Zum Inhalt springen
Herr Jung, Animalist
Essay

Corine Pelluchon

Die Philosophin, die den Hunger an den Anfang der Ethik setzt und der Sache der Tiere einen Namen gibt: Animalismus.

Geboren 1967 in der Charente
September 2026Lesezeit etwa 48 MinutenAls PDFAlle Essays

Ende Dezember 2021 wurde die deutsche Sachbuch-Bestenliste für Januar bekanntgegeben, die ZDF, Die Zeit und Deutschlandfunk Kultur gemeinsam erstellen. Auf Platz eins stand ein Buch mit dem Titel Das Zeitalter des Lebendigen. Seine Autorin war in Deutschland damals fast unbekannt, und das Buch selbst war ein anspruchsvoller, dicht argumentierender Traktat über die Aufklärung. Dass es dennoch so weit oben landete, sagt etwas über die Zeit und etwas über die Autorin. Corine Pelluchon ist Professorin für Philosophie an der Universität Gustave Eiffel bei Paris, Tochter von Landwirten aus der Charente, Trägerin der Ehrenlegion, des Günther-Anders-Preises und des höchstdotierten Preises der Universität Tübingen. In Frankreich gilt sie als die wichtigste philosophische Stimme der Tierfrage. Und sie ist eine Frau, die jeder kennen sollte, dem die Zukunft der Tiere, der Erde und der Demokratie nicht gleichgültig ist.

Einfach macht sie es einem dabei nicht. Pelluchon schreibt keine Bestseller im landläufigen Sinn, sie schreibt Philosophie: mit eigenen Begriffen, mit Bezügen auf Levinas, Ricœur und Bernhard von Clairvaux, in Sätzen, die man zweimal lesen muss. Und sie verweigert sich den Rollen, die das Publikum für eine Tierrechtlerin bereithält. Sie ist keine Aktivistin, die Schlachthöfe blockiert, und keine Moralistin, die dem Fleischesser die Schuld zuweist. Sie ist eine Denkerin, die von der Bioethik am Krankenbett kommt und die Frage, was wir den Tieren schulden, als Teil einer viel größeren Frage behandelt: wovon und mit wem wir eigentlich leben. Dieser Essay folgt vor allem einer Linie ihres Werks, der Tierethik: von der Bioethik der Verletzlichkeit zur Sache der Tiere, von dort zum Wort Animalismus, das sie dieser Sache gegeben hat, und zu der Behauptung, dass ohne eine radikal veränderte Beziehung zu den Tieren weder Ökologie noch Demokratie zu retten sind. Sechs Begriffe tragen diesen Weg, und wer sie am Ende versteht, hat ihr Denken verstanden: Verletzlichkeit, Nahrungen, Animalismus, Consideratio, Transdeszendenz und Herrschaftsschema.

Ein Leben in Umrissen

Corine Pelluchon wurde 1967 in der Charente geboren, im Cognac-Land zwischen Angoulême und Bordeaux, und wuchs als Tochter von Landwirten auf einem Hof auf. Nach dem Abitur durchlief sie den klassischen französischen Weg der Eliteausbildung, die Vorbereitungsklassen in Poitiers und Bordeaux, dann die Sorbonne: Licence 1986, Maîtrise 1987 mit einer Arbeit über Zeit und Erfahrung bei Kant, Diplôme d’études approfondies 1990 über Innerlichkeit und Existenz bei Augustinus und Kierkegaard.

Auf das Studium folgte eine Laufbahn, die über den Schuldienst führte. Nach dem CAPES 1989 unterrichtete sie sechzehn Jahre lang Philosophie an Lycées in Clermont-Ferrand, im Nord-Pas-de-Calais, in Amiens und im Pariser Umland; die Agrégation legte sie 1995 ab. 2003 promovierte sie an der Sorbonne bei Rémi Brague mit einer Arbeit über Leo Strauss und dessen Kritik der modernen Aufklärung. Die Dissertation erschien 2005 als Buch und erhielt 2006 den Prix François Furet. Ein Jahr in Boston als Gastdozentin für Medizinethik folgte, dann 2008 die erste Universitätsstelle in Poitiers, 2010 die Habilitation bei Alain Renaut, 2013 die Professur in Besançon und 2016 der Ruf an die Université Paris-Est Marne-la-Vallée, heute Université Gustave Eiffel, wo sie dem Laboratoire interdisciplinaire d’étude du politique Hannah Arendt angehört; 2025 wurde sie in die classe exceptionnelle befördert, die höchste Stufe der französischen Professorenschaft.

Zwischen dem Strauss-Buch und der Universität lag eine Erfahrung, die für ihr Denken wichtig wurde. 2007 begleitete sie im Rahmen ihrer bioethischen Arbeit Sterbende in einem Pariser Krankenhaus. Aus dieser Zeit stammt L’autonomie brisée, „Die gebrochene Autonomie“, das Buch von 2009, das die Bioethik vom Kopf auf die Füße stellte. Sie hat später erzählt, dass in dieser Zeit auch die Tierfrage stärker in ihr Denken trat.

Seit 2011 erscheinen ihre Bücher in dichter Folge, und fast jedes wurde ausgezeichnet: 2012 der Grand Prix Moron der Académie française für die Éléments pour une éthique de la vulnérabilité, „Elemente einer Ethik der Verletzlichkeit“, 2015 der Prix Édouard-Bonnefous der Académie des sciences morales et politiques und 2016 der Prix Paris-Liège für Wovon wir leben (Les Nourritures), 2020 der Günther-Anders-Preis für kritisches Denken in München, 2021 das Ritterkreuz der Ehrenlegion, 2025 der mit fünfzigtausend Euro dotierte Dr.-Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen und die Ehrendoktorwürde der Universität Ioannina. Von Herbst 2021 bis Ende 2022 lebte sie als Fellow des New Institute in Hamburg, im Frühjahr 2023 forschte sie als Gast am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Sie spricht Deutsch und hält ihre deutschen Vorträge selbst. Seit 2024 gehört sie der Commission nationale consultative des droits de l’homme an, der französischen Menschenrechtskommission.

Von der Bioethik zur Verletzlichkeit

Wer Pelluchons Tierethik verstehen will, muss bei ihrer Bioethik beginnen, denn die Begriffe sind dieselben. L’autonomie brisée von 2009 ist eine Auseinandersetzung mit der herrschenden Medizinethik, die den Patienten als souveränes, informiertes, entscheidungsfähiges Subjekt denkt. Pelluchon hält dagegen, dass diese Ethik die Würde an den Besitz der Vernunft bindet, an Selbstbeherrschung und Leistungsfähigkeit, und dass sie deshalb bei genau den Menschen versagt, um die es in der Medizin geht: Sterbende, Demente, Neugeborene, Behinderte. Würde, so ihre These im Anschluss an Emmanuel Levinas, wird weder durch Vernunft erworben noch vom anderen verliehen. Sie ist dem Menschen eigen und hängt gerade nicht davon ab, was wir vom anderen wissen, erkennen oder wahrnehmen; sie gehört zur Transzendenz des Anderen, der sich unserem Zugriff entzieht. Was in unserer Hand liegt, ist etwas anderes: Wir sind Garanten dieser Würde, insofern wir sie im respektvollen Verhalten gegenüber dem anderen bezeugen. Der verletzliche Mensch ist nicht der Grenzfall der Ethik, sondern ihr Normalfall. Erprobt wird diese Ethik an den Fragen, die das Buch behandelt: Behandlungsabbruch, Sterbehilfe, Demenz, Behinderung, Fortpflanzungsmedizin.

Die Éléments pour une éthique de la vulnérabilité von 2011 weiten den Gedanken aus. Der Untertitel nennt die drei Felder, die das Buch verbindet und die in der Philosophie sonst getrennt behandelt werden: die Menschen, die Tiere, die Natur. Verletzlichkeit hat bei Pelluchon einen doppelten Sinn, den sie seither immer wieder festhält: Sie ist Zerbrechlichkeit, das Angewiesensein auf andere, und sie ist Offenheit, die Fähigkeit, vom anderen betroffen zu werden und für ihn zu antworten. Verantwortung geht der Freiheit voraus. Levinas hatte das für das Verhältnis von Mensch zu Mensch gesagt, und er hatte, wie Pelluchon in ihrem Levinas-Buch von 2020 zeigt, vor dem Tier haltgemacht: Das Antlitz, das mich verpflichtet, war für ihn ein menschliches. Pelluchon setzt vor diesem Rubikon an. Wenn Verletzlichkeit der Grund der Verantwortung ist, dann gibt es keinen Grund, sie an der Grenze der Spezies enden zu lassen.

Das kleine Buch Tu ne tueras point von 2013, „Du sollst nicht töten“, zieht daraus eine Konsequenz, die für ihr ganzes Werk steht. Das Tötungsverbot, so Pelluchon, hat auch ohne Gott und ohne die Idee der Heiligkeit des Lebens einen Sinn, und es gilt nicht nur unter Menschen. Das absolute Recht, das wir uns über die Tiere anmaßen, sei eine Überschreitung. Sie sagt nicht, dass Töten immer verboten sei. Sie sagt, dass es einer Rechtfertigung bedarf, und dass Gewohnheit keine ist.

Die Nahrungen: Ein Gesellschaftsvertrag für Wesen, die essen

Wovon wir leben, im Original Les Nourritures. Philosophie du corps politique, erschien im Januar 2015 bei Seuil und ist eines ihrer zentralen philosophischen Werke. Der Ausgangspunkt ist ein Satz von Levinas: Am Anfang war der Hunger. Pelluchon nimmt ihn wörtlich. Die Philosophie, sagt sie, hat das Subjekt jahrhundertelang als denkendes, wollendes, freies Wesen beschrieben, als Bewusstsein, das einer Welt gegenübersteht. Aber bevor ich denke, esse ich. Bevor ich frei bin, atme ich, brauche Wärme, Licht, Schlaf, Nahrung, Arbeit, Liebe. Heideggers Dasein, hatte Levinas gespottet, hat nie Hunger. Ihr Gegenentwurf heißt „vivre de“, leben von. Wir leben nicht nur in einer Welt und mit anderen, wir leben von der Welt, wir sind in ein Milieu getaucht, das zugleich natürlich und künstlich ist, und dieses Von ist keine Nebensache der Existenz, sondern ihre Struktur. „Ich bin Liebe zum Leben, bevor ich Freiheit bin“, schreibt sie. „Diese Liebe zum Leben umhüllt meine Freiheit.“

Das Wort „nourritures“ hat eine zweite Pointe: Wer isst, ist schon in der Ethik. „Sobald ich esse, bin ich in der Ethik“, heißt es im Buch, denn was ich esse, hat jemand hergestellt, unter Bedingungen, mit Folgen für andere Menschen, für Tiere, für Böden und Meere. Die Mahlzeit ist der ursprüngliche Ort der Verantwortung, nicht der Gerichtssaal.

Aus dieser Phänomenologie leitet Pelluchon eine politische Philosophie ab, und hier zeigt sich, warum sie Strauss und Rawls gelesen hat. Die Vertragstheoretiker von Hobbes bis Rawls begründeten den Staat aus einer Fiktion, dem Naturzustand, in dem freie und gleiche Individuen einen Vertrag schließen. Pelluchon behält die Vertragsform bei, ersetzt aber die Fiktion durch die Phänomenologie: An die Stelle des Naturzustands tritt die Beschreibung dessen, wovon wir leben. Ein Gesellschaftsvertrag, der von essenden, atmenden, gezeugten und sterblichen Wesen geschlossen wird, kann die Biosphäre, die künftigen Generationen und die Tiere nicht ausklammern, wie es die klassischen Theorien tun. Sie gehören ins Herz des Politischen. Das Buch schließt mit Prinzipien der Gerechtigkeit, darunter dem Satz, jedes Wesen habe ein Recht auf die Nahrung, die sein Leben sichert, und mit institutionellen Vorschlägen, darunter einer dritten Parlamentskammer für die langfristigen Interessen von Natur, Tieren und Nachgeborenen. Für die Haustiere, die von uns abhängen, formuliert es im Anschluss an Sue Donaldson und Will Kymlicka besondere Pflichten. Viele Seiten des Buches gelten bereits der Zoopolitik, der Frage, welchen Platz die Tiere in der politischen Gemeinschaft haben. Das Manifest zwei Jahre später expliziert und politisiert die Konsequenzen, die sich daraus in ihrer Arbeit entwickelt hatten: Die Gewalt gegen Tiere ist dort grundsätzlich illegitim, und das Ziel auf lange Sicht ist eine Gesellschaft ohne Tierzucht. Die deutsche Ausgabe erschien 2020 unter dem Titel Wovon wir leben und stand im selben Winter auf der Sachbuch-Bestenliste von Zeit, ZDF und Deutschlandfunk Kultur.

Das Manifest: Die Sache der Tiere wird politisch

Im Januar 2017, drei Monate vor der französischen Präsidentschaftswahl, veröffentlichte Pelluchon bei dem kleinen Verlag Alma ein Buch von gut hundert Seiten für zehn Euro: Manifest für die Tiere, im Original Manifeste animaliste. Politiser la cause animale. Es war eine bewusste Zäsur. Nach den dicken Bänden über Verletzlichkeit und Nahrungen wollte sie einen Text, den jeder lesen konnte, Politiker eingeschlossen, und der die Tierfrage aus der Nische der Moral in die Arena der Politik holte. Das Buch kam, wie sie später sagte, zu früh. Aber das Manifest wurde in sieben Sprachen übersetzt, erschien 2020 bei C.H. Beck auf Deutsch und 2021 in Frankreich als Taschenbuch mit einem langen Nachwort über die Gründe, warum aus Bewusstsein so selten Handeln wird.

„Unser Verhältnis zu den Tieren ist ein Spiegel, der uns zeigt, wozu wir in den letzten Jahrhunderten geworden sind. In diesem Spiegel sehen wir nicht nur die Schrecken, die unsere Spezies sich bei der Ausbeutung anderer empfindungsfähiger Lebewesen zuschulden kommen lässt, sondern auch das bleiche Gesicht einer Menschheit, die ihre Seele zu verlieren droht.“

Manifest für die Tiere, erste Sätze des ersten Kapitels, in der Übersetzung von Michael Bischoff

Der Kernsatz, der das ganze Buch durchzieht, lautet: Die Sache der Tiere ist die Sache der Menschheit. Pelluchon meint das nicht als Metapher, und der Spiegel, mit dem das Buch beginnt, ist keine Redefigur. Die Gewalt der Tierfabriken, in denen Arbeiter Ferkel ohne Betäubung kastrieren, sich Stöpsel in die Ohren stecken, um die Schreie nicht zu hören, und zu Killern werden, um Tiere zu eliminieren, die nicht der Norm entsprechen, ist für sie keine Entgleisung, sondern das Bild eines Systems, das auf der grenzenlosen Ausbeutung der übrigen Lebewesen und der Herrschaft über die Menschen beruht, die es am Laufen halten. Das Manifest nennt dieses System, mit ausdrücklichem Vorbehalt gegen das Wort, kapitalistisch: Man dürfe sich von dem Ausdruck nicht in eine Ideologie einsperren lassen, die Unternehmer und Lohnabhängige gegeneinanderstellt, denn die Sache der Tiere reiche über die politischen Spaltungen hinaus. Der Übergang zu einer Gesellschaft, die den Tieren gerecht wird, setzt für sie gleichwohl voraus, dass ein Entwicklungsmodell überwunden wird, das auf Ausbeutung gründet. Deshalb ist die Tierfrage für Pelluchon keine „ethische Insel“, sondern mit sozialer Gerechtigkeit und Ökologie verbunden, und deshalb muss sie politisiert werden. Mitgefühl, heißt es im ersten Kapitel, sei weder Moral noch Gerechtigkeit, sondern deren Voraussetzung. Das zweite Kapitel trägt den Titel „Wir führen Krieg gegen uns selbst“: Die Gewalt gegen die Tiere sei zugleich ein Krieg gegen uns und unter uns, weil wir, um sie zu ertragen, das Mitleid unterdrücken müssen, das aus der geteilten Verletzlichkeit aller sterblichen Wesen aus Fleisch und Blut kommt; mit Derrida spricht sie von einem „Krieg um das Mitleid“, in dem jeder Partei ist, ob er will oder nicht. Das vierte Kapitel erklärt den Speziesismus, den 1971 geprägten Begriff für die Diskriminierung nach Artzugehörigkeit, und den Antispeziesismus, der die gleiche Berücksichtigung der Interessen verlangt, aber keine Gleichbehandlung: Ein Wahlrecht für Schweine hätte keinen Sinn, und Katzen brauchen nicht den Raum von Löwen. Der Satz, der das Kapitel trägt, lautet: „Unsere Gesellschaft ist ungerecht, weil sie auf dem Speziesismus basiert, einem Postulat, wonach wir die Tiere ganz nach unserem Belieben gebrauchen und missbrauchen dürfen.“ Selbst Descartes, den man für die Theorie der Tiermaschine verantwortlich macht, habe in einem Brief an Elisabeth von der Pfalz daran erinnert, dass der Mensch nicht der Mittelpunkt der Schöpfung ist.

Mitgefühl und Argumente allein ändern keine Gesetze. Tiere können nicht wählen und nicht abwählen. Sie sind, so der Titel eines Kapitels, keine Bürger, sondern politische Subjekte: Sie haben Interessen, die verteidigt werden müssen, aber sie verstehen sich nicht selbst als Mitglieder unserer Gemeinschaft, und Menschen müssen für sie sprechen. Pelluchon entwirft dafür einen Kampf auf drei Ebenen. Auf der normativen Ebene sollen die Interessen der Tiere als Staatsziel in die Verfassung. Auf der Ebene der Repräsentation sollen den Parlamenten Tierbeauftragte beigeordnet werden, per Losentscheid aus einer Liste erwiesener Tierschützer bestimmt, mit einem Vetorecht gegen Gesetze, die dem Verfassungsgrundsatz widersprechen. Auf der Ebene der Öffentlichkeit braucht es eine kulturelle Bewegung, getragen von Künstlern und Intellektuellen, und eine Tierpartei, die die übrigen Parteien an die Sache erinnert. Und sie unterscheidet zwei Zeitperspektiven: die lange, die auf das Ende jeder Ausbeutung zielt, und die kurze, in der jetzt Entscheidungen fallen müssen, die das Los der Tiere verbessern. Mit dieser Unterscheidung will sie über den alten Gegensatz zwischen Abolitionisten und Tierwohlreformern hinausgelangen, der die Bewegung spaltet. Der dritte Teil des Buches geht dann Praktik für Praktik durch. Pelluchon beginnt mit dem, was sie für konsensfähig hält, weil es, wie sie mit Rawls’ Schleier der Unwissenheit argumentiert, jeder vernünftige Bürger für grausam und unnötig halten müsste, und geht zu dem über, was nur schrittweise verändert werden kann. Jedes Verbot, betont sie, muss mit einem Plan für die Menschen verbunden sein, die davon leben; statt sie zu Henkern zu erklären, soll man ihnen einen Platz in der gerechteren Gesellschaft anbieten:

Die Forderungen des Manifests für die Tiere (2017), nach der Gliederung des dritten Teils; die letzte Zeile aus dem zweiten
Wildtiere in GefangenschaftVerbot der Tiernummern im Zirkus, Schließung der Delfinarien; Zoos nur noch vorläufig zur Arterhaltung, enge Käfige bleiben leer. Sofort, konsensfähig.
Stierkampf und TierkämpfeVerbot. Sofort, konsensfähig.
HetzjagdVerbot der Parforcejagd zu Pferd mit Hundemeute, verbunden mit einem generellen Jagdverbot, weil Jagd heute Freizeit ist, keine Notwendigkeit. Sofort, konsensfähig.
Pelz und StopfleberVerbot der Pelztierzucht und der Stopfmast. Sofort, konsensfähig.
TierhaltungErste Etappe: schrittweise Rückkehr zur extensiven Haltung mit finanziellen Hilfen und Mindesteinkommen für die Erzeuger, kurze Wege, Boykott der Produkte aus Intensivhaltung. Zweite Etappe: eine Gesellschaft ohne Tierzucht.
SchlachtungTransparenz der gesamten Kette, Transporte von höchstens acht Stunden, unangekündigte Kontrollen, ein Betäubungsbeauftragter in jedem Schlachthof, reversible Betäubung auch bei halal und koscher, Ausbildung und Berufswechsel für das Personal. Kameras hält sie nur für ein Mittel gegen Symptome.
Küche und ModeVegane Restaurants in jeder Stadt, fleischlose Gerichte überall, von den Bistros über Kantinen und Krankenhäuser bis zum Élysée-Palast; kostenloser Kochunterricht in der Schule; Ersatz für Wolle, Leder und Seide.
TierversucheFinanzierung der Alternativen (Ex-vivo-, In-vitro- und In-silico-Methoden), Transparenz der Labore, Vermittlung ausgedienter Versuchstiere an Familien.
TierschutzHärtere Strafen für Misshandlung, lebenslanges Tierhalteverbot für Täter, Adoption statt Kauf, auf Tierquälerei spezialisierte Ermittler bei der Polizei.
BildungTierethik und Ethologie als Fächer in Schule und Universität; regelmäßige Gespräche mit Ethologen für Züchter, Schlachthofpersonal und Modebranche.
InstitutionenTierinteressen als Verfassungsgrundsatz; per Los bestimmte Tierbeauftragte mit Vetorecht in den Parlamenten; eine Tierpartei.

Dieser Gradualismus hat ihr Kritik von beiden Seiten eingetragen. Den Abolitionisten, die jede Nutzung von Tieren sofort beenden wollen, ist sie zu langsam; den Verteidigern der Tierhaltung ist sie zu radikal. Pelluchon hat ihre Strategie mit einer historischen Analogie verteidigt, die erklärungsbedürftig ist. Dem Buch ist eine Botschaft Abraham Lincolns an den Kongress vom 1. Dezember 1862 als Motto vorangestellt, und an zwei Stellen, im Kapitel über die Hindernisse des Fortschritts und am Ende des Animalismus-Kapitels, erzählt sie Lincolns Weg zur Abschaffung der Sklaverei: Er rechnete mit den rassistischen Vorurteilen seiner Zeit, schlug den Sklavenhaltern Entschädigung vor und behandelte sie nicht als Feinde. Sie vergleiche die Tiere nicht mit den Sklaven, sagt Pelluchon, sondern lerne von Lincolns Methode. Ihre drei Schlüsselwörter sind Übergang, Umstellung und Innovation. Und ihre Diagnose lautet, dass nicht Argumente die Welt verändern, sondern Affekte. „Trotz meiner Bewunderung für Peter Singer“, sagte sie 2017, „trotz seiner Anstrengungen und derer so vieler anderer seit fünfundvierzig Jahren hat sich für die Tiere nichts geändert.“ Das Manifest endet mit einem Aufruf, der Marx zitiert und überbietet: Animalisten aller Länder, aller Parteien und aller Konfessionen, vereinigt euch. Und, fügt sie hinzu, vereinigt euch auch mit denen, die keine Animalisten sind. Die letzten Sätze des Buches lauten:

„Die Sache der Tiere ist universell. Sie gehört allen. Indem wir den Tieren Gerechtigkeit widerfahren lassen, retten wir unsere Seele und sichern wir unsere Zukunft. Eine ganze Welt können wir dadurch gewinnen.“

Manifest für die Tiere, Schluss von Teil III, in der Übersetzung von Michael Bischoff

Animalist: Ein Wort für die Sache, nicht für den Teller

Wer heute „vegan“ sagt, denkt an Essen. Das Wort steht auf Joghurtbechern und Speisekarten, wo „rein pflanzlich“ gemeint ist, es bezeichnet eine Ernährungsweise, eine Produktkategorie, manchmal einen Lebensstil. Dass die Gründer der Vegan Society 1944 mehr meinten als eine Diät und die Society ihre Sache seit 1949 als Befreiung der Tiere von der Ausbeutung definiert, hat der Sprachgebrauch vergessen. Pelluchon selbst hält im Glossar des Manifests daran fest, dass Veganismus ein Moralverständnis ist. Aber ein Wort, das vom Verzicht her gebildet ist, kann eine Bewegung nicht tragen. Es sagt, was einer nicht isst, und nichts darüber, wofür er kämpft. Deshalb setzt sie ein Wort an die Spitze ihres Buches, das in Frankreichs Tierrechtsbewegung seit den 2000er Jahren kursierte, aber noch keine Definition hatte: Animalismus. Die Definition gibt sie im fünften Kapitel des zweiten Teils, und sie verdient es, im Wortlaut zu stehen:

„«Animalismus» ist eine Bezeichnung für die philosophische, soziale, kulturelle und politische Bewegung, in der Menschen zusammenkommen, die sich durch ihre Lebensweise und ihr kollektives Handeln für den Schutz der Interessen von Tieren einsetzen. Zum «Animalismus» gehören die Tierschutzvereinigungen, aber auch jene Einzelpersonen, die durch ihr Handeln und Denken ein Engagement für die Tiere beweisen, ein Engagement, das allerdings kein Vorwand sein darf, um Vorteile für sich selbst zu erlangen.“

Manifest für die Tiere, Teil II, Kapitel 5, in der Übersetzung von Michael Bischoff

Vier Bestimmungen dieser Definition sind entscheidend. Erstens ist Animalismus eine Bewegung, kein Bekenntnis: Er wird durch Lebensweise und gemeinsames Handeln bestimmt, nicht durch eine Meinung. Zweitens ist er vierfach verfasst, philosophisch, sozial, kulturell und politisch, also mehr als Ethik und mehr als Aktivismus. Drittens nennt er den Adressaten: die Interessen der Tiere, nicht die Reinheit des Menschen. Viertens schließt er die Eitelkeit aus, das Engagement als Mittel zur eigenen Aufwertung. Was folgt, füllt die Definition mit Inhalt. Animalisten sind für sie Antispeziesisten. Der Veganismus kann eine kohärente Konsequenz dieser Überzeugung sein, aber er definiert nicht die Zugehörigkeit zur Bewegung. Gerade deshalb schließt ihr Animalismus Menschen mit unterschiedlichen Lebensweisen ein, auch die Akteure des politischen und landwirtschaftlichen Übergangs. Der Kern ist die Überzeugung, dass der Kampf für die Tiere in die Geschichte der Kämpfe gegen jede Diskriminierung gehört, gegen Sklaverei, Rassismus und Sexismus, und von der Verteidigung der Menschenrechte nicht zu trennen ist. Animalisten setzen der Entmenschlichung, die aus Herrschaftsdrang, Angst vor den anderen und Machthunger entsteht, eine Ethik der Verletzlichkeit entgegen, die die Einsicht in die Endlichkeit, die Verantwortung für die Natur und alle Lebewesen und die Liebe zum Leben in sich vereinigt. Sie verpflichten sich auf demokratische Regeln, Pluralismus, Debatte und Gewaltfreiheit. Sie überzeugen behutsam, zeigen Alternativen für Küche, Kleidung und Labor, geben Ratschläge zur Ernährung, bis hin zur Vitamin-B-Einnahme. Und sie glauben, dass die Geschichte mit ihnen ist, auch wenn niemand weiß, ob sie das Ende der Ausbeutung noch selbst erleben werden. Die Aufnahme der Tiere in Ethik und Recht bedeute zugleich eine Erneuerung des Humanismus. Sechs Jahre später, im Buch über die Hoffnung, bringt sie das auf eine Formel, die Sartres berühmten Vortragstitel aufnimmt und die sie ausdrücklich ein Leitmotiv des Manifests nennt:

„Denn wem das Tierwohl am Herzen liegt, der erwartet mehr von anderen Menschen. In diesem Sinne sind die Belange der Tiere auch die Belange der Menschheit, und der Animalismus ist ein Humanismus.“

Die Durchquerung des Unmöglichen, Kapitel 5, in der Übersetzung von Grit Fröhlich

Das Wort leistet damit dreierlei. Es benennt den Adressaten statt den Konsumenten: Im Mittelpunkt steht das Tier, nicht der Teller. Es ist politisch statt privat: Man ist Animalist so, wie man im neunzehnten Jahrhundert Abolitionist war, durch eine Überzeugung über die Gesellschaft, nicht durch eine Gewohnheit beim Einkauf. Und es ist einladend statt ausschließend: Vegetarier, Flexitarier, Landwirte, die ihre Höfe umstellen wollen, Politiker, die ein Verbot des Stierkampfs durchsetzen, haben darin Platz. In Frankreich hat das Wort inzwischen ein politisches Zuhause. Zwei Monate vor dem Erscheinen des Manifests gründete sich der Parti animaliste, den Pelluchon am Tag seines Starts öffentlich unterstützt hat, ohne sich ihm anzuschließen; bei der Europawahl 2019 erhielt er über zwei Prozent der Stimmen. Die deutsche Übersetzung setzt das Wort durchgehend in Anführungszeichen, auch weil „Animalismus“ im Deutschen bisher etwas anderes hieß: im Duden die religiöse Verehrung von Tieren, in der Philosophie des Geistes seit Eric Olson die These, dass wir Menschen selbst Tiere sind. Pelluchons Animalismus meint keines davon. Wenn ihr Manifest eine Wette enthält, dann diese: dass das Wort die Anführungszeichen eines Tages verliert.

Consideratio: Eine Tugendethik der Vertiefung

Warum ändern wir unser Leben nicht, obwohl wir wissen, was wir anrichten? Um diese Frage kreist die Einleitung der Ethik der Wertschätzung, im Original Éthique de la considération von 2018, auf Deutsch 2019 erschienen; Pelluchon zitiert dafür Ovids Paradox, das Bessere zu sehen und dem Schlechteren zu folgen. Ihre Antwort ist, dass Wissen nicht genügt. Zwischen Theorie und Praxis klafft eine Lücke, die keine Argumentation schließt, sondern nur eine Veränderung des Subjekts selbst, seiner Haltung, seiner Wahrnehmung, seiner Gewohnheiten. Deshalb schreibt sie eine Tugendethik, aber eine, die nicht nur die Vernunft anspricht, sondern der Affektivität, dem Körper und dem Unbewussten ihren Platz gibt. Die Fragen, die sie in der Einleitung stellt, benennen den Anlass: Welche Tugenden passen zu einer Zeit, die vom Klimawandel, von der Gewalt gegen Menschen und Tiere und von der Zerbrechlichkeit der liberalen Demokratien geprägt ist? Und wie lässt sich eine universale Vorstellung des guten Lebens verteidigen, ohne die Vielfalt der Lebensweisen zu verleugnen?

Ihre unerwartete Quelle ist Bernhard von Clairvaux, der im zwölften Jahrhundert für Papst Eugen III., einst Mönch in seinem Kloster Clairvaux, die Schrift De consideratione verfasste, einen Fürstenspiegel für Päpste. Bernhard rät dem Papst nicht, wie er andere regieren soll, sondern sich selbst zu betrachten, bevor er handelt: Bevor du den Bischof betrachtest, der du geworden bist, betrachte, was du wesentlich bist, „deine Verfassung als Mensch, mit der du geboren wurdest“. Consideratio ist bei Bernhard die Sammlung des Geistes, die dem Handeln vorausgeht, und ihre erste Stufe ist die Demut, humilitas, vom lateinischen humus, Erde, so wie das hebräische adam von adamah, Erde, kommt. Demut ist für Bernhard keine Tugend, sondern der Sockel aller Tugenden: die Erfahrung, dass wir aus Fleisch sind, dass wir geboren wurden und unsere Grenzen nicht wählen. Pelluchon übernimmt diese Architektur vollständig, samt Bernhards drei Arten der Consideratio, der praktischen, die für Körper und Gemeinwesen sorgt, der abwägenden, die das Maß findet, und der betrachtenden, die bei Bernhard die Kontemplation Gottes ist. Nur setzt sie an die Stelle, an der bei Bernhard Gott steht, etwas anderes.

Dieses andere ist die gemeinsame Welt: die Gesamtheit der Generationen und der Lebewesen, der Werke der Natur und der Kultur, die uns bei der Geburt empfängt und unseren Tod überdauert, „wie eine Transzendenz in der Immanenz“. Ohne die Erfahrung eines Unermesslichen, sagt Pelluchon mit Bernhard gegen Aristoteles, gibt es kein Maß; der Kluge ist nicht selbst das Prinzip des Maßes. Aber das Unermessliche ist nicht mehr oben. Die Bewegung, die zu ihm führt, nennt sie mit dem Philosophen Jean Wahl Transdeszendenz, im Gegensatz zur Transaszendenz, die zu einem Jenseits aufsteigt: ein Hinabsteigen, genauer eine Vertiefung in die eigene Tiefe, in das Fühlen, in die pathische Dimension und die archaischen Schichten der Psyche, bei dem das Subjekt nicht auf ein reines Ich stößt, sondern auf seine Verletzlichkeit, seine Gezeugtheit, seine Sterblichkeit und auf das, was es mit allen anderen Lebewesen aus Fleisch und Blut teilt. Sie nennt es mit einem Wort Ricœurs das „gewissermaßen umbilikale Band der Lebenden“. Consideratio ist deshalb selbst keine Tugend, sondern der Eckstein aller Tugenden, eine Struktur der Existenz, eine Seinsweise. Ihr Zeichen ist nicht die Erkenntnis der Essenz der Dinge, sondern ein tiefes Verständnis der Solidarität, die uns mit den anderen Lebenden verbindet. Sie verbindet Ethik und Spiritualität, aber, wie Pelluchon im Schlusskapitel festhält, ohne den christlichen Glauben: Bernhard habe die Consideratio auf die Menschen beschränkt, ja zeitweise auf die Mitglieder seiner Kirche, und den zweiten Kreuzzug gepredigt; sie dagegen schließe alle empfindungsfähigen Wesen in den Kreis der Consideratio ein und mache die Berücksichtigung der Tierinteressen zu einem Kriterium der Gerechtigkeit.

„Doch unsere Beziehungen zu den Tieren sind der Prüfstein der Consideratio, und der Einsatz für eine Gesellschaft, die gerechter zu ihnen ist, ist die notwendige Verlängerung der Ethik, die wir in diesem Buch vorschlagen.“

Éthique de la considération, Kapitel 3, Abschnitt „Die Tiere oder der Prüfstein der Consideratio“, aus der spanischen Ausgabe übersetzt

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, Genese, Praktiken und Wege der Consideratio, und es enthält einen Abschnitt, der für ihre Tierethik zentral ist. Er heißt „Die Tiere oder der Prüfstein der Consideratio“. Herrschaft, schreibt sie dort, sei nicht auf die Beziehungen unter Menschen beschränkt, sie werde in jedem Augenblick über Tiere ausgeübt; sie würden nie Klage auf Wiedergutmachung erheben und seien deshalb die am meisten beherrschten Wesen des Planeten; für Menschen gebe es eine Gerechtigkeit, auch wenn sie verhöhnt werde, für Tiere bis heute keine. Diese Ethik konzentriere sich nicht auf die rechtliche und politische Seite der Tierfrage. Ihre Eigenart sei es, die moralischen Züge und inneren Verwandlungen zu beschreiben, die es einer wachsenden Zahl von Bürgern ermöglichen, sich vom Schicksal der Tiere betroffen zu fühlen; nur unter dieser Bedingung würden sie ihren Konsum tierischer Produkte verringern und „Umstände der Gerechtigkeit“ fördern, in denen das Töten von Tieren immer mehr zur Ausnahme wird. Ethologisches Wissen und alle argumentierenden Tierethiken reichten dafür nicht aus; sie brächten eine Minderheit zum Veganismus, aber keine Mehrheit zur Änderung ihrer Gewohnheiten. Die Videos aus den Schlachthöfen müssten weiter verbreitet werden, doch die entscheidenden Veränderungen kämen „nicht von dem, was man sieht und hört, sondern von dem, der sieht und hört“. Man müsse den Berührungspunkt zwischen Mensch und Tier treffen: die Sensibilität. Mitgefühl definiert sie mit Rousseau, dessen Gedanken aus dem Diskurs über die Ungleichheit Lévi-Strauss aufgreift und kommentiert, als die angeborene, der Reflexion vorausgehende Abscheu davor, irgendein empfindendes Wesen unnötig leiden zu sehen; es entspringe der Identifikation mit dem anderen, „auch mit dem Andersten aller Anderen, dem Tier“, und gehöre selbst zum Bereich der Transdeszendenz. Die Empathie beschreibt sie mit dem Bild der russischen Puppe: innen der Kern, das Mitgefühl, das wir mit vielen Säugetieren teilen, außen die Fähigkeit, sich in ein fremdes Wesen zu versetzen, die auch dem Folterer zur Verfügung steht, wenn der Kern fehlt. Der Satz, mit dem der anschließende Abschnitt „Mitgefühl und Empathie“ und mit ihm das Kapitel endet, ist der Kern ihrer Tierethik: Indem sie uns mit unseren tiefsten Emotionen verbinden und die gesellschaftlichen Vorstellungen auf Abstand halten, die die Trennung zwischen den Wesen errichten, „bringen uns die Tiere auf den Weg der Consideratio“. Und in der Politik der Consideratio, die das vierte Kapitel entwirft, steht der Satz, mit dem sie das Werk von 2015 fortsetzt: Die Consideratio beginne mit der Prüfung dessen, was wir auf dem Teller haben.

„Die Consideratio ist keine Bewegung, die von unten nach oben verläuft wie der Aufstieg zur Transzendenz oder die Transaszendenz: Sie ist Transdeszendenz. Das Subjekt ist von anderen Leben durchzogen, die nicht die seinen sind, und wird von der gemeinsamen Welt und von seiner Nachkommenschaft überstiegen.“

Éthique de la considération, Schlusskapitel, aus der spanischen Ausgabe übersetzt

Eine Aufklärung im Zeitalter des Lebendigen

Das Zeitalter des Lebendigen, im Original Les Lumières à l’âge du vivant, im Januar 2021 bei Seuil erschienen und im Oktober desselben Jahres auf Deutsch, ist der Versuch, die Aufklärung zu retten, indem man sie verändert. Der Name der Epoche ist bewusst gewählt, wie sie später in Die Durchquerung des Unmöglichen erklärt: Das Zeitalter des Lebendigen benennt die Herausforderungen unserer Zeit und zugleich einen tiefgreifenden Wandel, der darin besteht, dass eine wachsende Zahl von Menschen sich zutiefst um das Schicksal der Tiere sorgt; die Tierschutzbewegung ist für sie der Kristallisationspunkt der anthropologischen Revolution, die bereits begonnen hat. Pelluchon stellt sich zwischen zwei Fronten: die Gegenaufklärer von rechts, die eine hierarchische Gesellschaft zurückwollen, und die postmodernen Kritiker, die jeden Universalismus als Herrschaft verdächtigen. Beiden hält sie entgegen, dass die Aufklärung nicht an ihrem Universalismus krankt, sondern an dessen Fundament. Sie hatte den Menschen durch das definiert, was ihn von den Tieren unterscheidet: die Vernunft. Ein Universalismus des Zeitalters des Lebendigen müsste ihn durch das definieren, was ihn mit ihnen verbindet: Verletzlichkeit, Körper, Hunger, Sterblichkeit.

Hier trifft Pelluchon auf Adorno und Horkheimer, und die Begegnung ist für ihr Denken zentral. Die Dialektik der Aufklärung hatte gezeigt, wie die Vernunft, die den Menschen von der Naturfurcht befreien sollte, in Herrschaft umschlug, über die Natur, über die anderen Menschen, über die eigene innere Natur. Pelluchon nimmt diese Diagnose vollständig an und weigert sich, bei ihr stehenzubleiben. Das Problem, sagt sie, ist nicht die Vernunft, sondern das Schema, das sie organisiert. „Herrschaftsschema“ nennt sie die Gesamtheit der Vorstellungen und der sozialen, ökonomischen, politischen und technischen Entscheidungen, die unser Verhältnis zu den anderen und zur Natur in eine Form von Krieg verwandeln. Dieses Schema herrscht dreifach: über die anderen Menschen, über die anderen Lebewesen und über uns selbst, indem es Körperlichkeit und Endlichkeit verdrängt. Ihm setzt sie das „Schema der Consideratio“ entgegen, das die Form des Mitseins hat und der Andersheit Raum lässt. Die Ablösung eines Schemas, betont sie, geschieht nicht durch Waffen und nicht durch Blutvergießen, sondern durch die Veränderung der Vorstellungen, der Institutionen und der Lebensweisen. Der Rationalismus, den sie verteidigt, hat einen Horizont, der nicht mehr die Idee ist, sondern die gemeinsame Welt: eine Transzendenz in der Immanenz.

Die deutsche Aufnahme war breit und überwiegend zustimmend. Das Buch stand drei Monate lang auf der Sachbuch-Bestenliste von Zeit, ZDF und Deutschlandfunk Kultur, im Januar 2022 an der Spitze, und Rezensenten nannten es „wegweisend für einen modernen Humanismus“ und „gelungene, zeitgenössische und visionäre Philosophie“. Einwände gab es auch: Die FAZ fand das Vokabular spröde, vermisste die Pflanzen und fragte, wie das demokratische Miteinander aller Lebewesen konkret aussehen solle; die NZZ hatte eine Verteidigung der Aufklärung erwartet und fand eher deren Kritik. Die Jury des Günther-Anders-Preises hatte eineinhalb Jahre zuvor genau diese Verbindung von Modernekritik und Aufklärung gelobt: eine Denkerin, deren Gegenwartsdiagnostik „radikal modernekritische Wege in eine ökologische Zivilisation aufzeigt, ohne die Errungenschaften der Aufklärung preiszugeben“. 2022 erschien bei transcript ein Plädoyer für eine neue Aufklärung, das sie mit Markus Gabriel und weiteren Autoren aus dem New Institute verfasst hat. Ihr Satz aus dieser Zeit, den sie der Berliner Zeitung sagte, fasst das Programm in einer Zeile: Wir dürfen die Ökologie nicht politisieren, wir müssen die Politik ökologisieren.

Hoffnung, Meer und die Macht des Weiblichen

Die Durchquerung des Unmöglichen, im Original L’espérance, ou la traversée de l’impossible, im Januar 2023 bei Rivages erschienen und im September desselben Jahres bei C.H. Beck, handelt philosophisch von Verzweiflung, Hoffnung, Verlust und Durchquerung. Sie schreibe es, heißt es im Vorwort, „mit der Ambition, hilfreich zu sein“, vor allem für die Jüngeren, denen die Zukunft verschlossen scheint. Zwei Mottos eröffnen das Buch, von Bernanos, für den die höchste Form der Hoffnung „die überwundene Verzweiflung“ ist, und von Péguy, bei dem die kleine Hoffnung zwischen ihren großen Schwestern Glaube und Liebe voranschreitet.

Das Buch unterscheidet drei Haltungen zur Zukunft. Der Optimismus ist für Pelluchon das Gegenteil der Hoffnung, eine Form der Verleugnung, die den Ernst der Lage verschleiert. Espérance, das theologische Wort, dem sie eine säkulare Bedeutung gibt und das sie dennoch von den Klageliedern Jeremias, dem Buch Hiob, Psalm 22 und Hesekiels verdorrten Gebeinen her erschließt, taucht unerwartet am Ende eines Kampfes auf, bei dem man zu sterben glaubte. Das erste Kapitel, über die Verzweiflung als Gefangenschaft in der eigenen Hölle, eröffnet Rilkes Gedicht vom Panther. Das zweite trägt den Titel „Ein Sprung kraft des Absurden“, nach Kierkegaards Furcht und Zittern: Der Sprung, den die Hoffnung verlangt, ist, wie sie schon im Vorwort sagt, kein Willensakt, sondern ein Loslassen aller Überzeugungen und Erwartungen; in diesem Kapitel kehrt daraus kraft des Absurden die Freude an den einfachen Dingen unerwartet zurück, und die Gegenwart erscheint wie ein Garten. Weitere Kapitel handeln von einem Volk, das keine Hoffnung mehr hat, vom Klimawandel als der Möglichkeit einer Unmöglichkeit und, im Schlusskapitel, vom Weiblichen als der Kunst der Metamorphosen, in dem sie, angeregt von Elisabeth von Thadden, die Menopause und die Erderwärmung als zwei Übergänge nebeneinanderstellt, die von Temperaturschwankungen und Ungleichgewicht begleitet sind, Verzicht verlangen und einen Umgang mit dem Weniger.

„Hoffnung bedeutet, das Unmögliche zu durchqueren. Sie erscheint, wenn man sie nicht mehr erwartet, und entsteht nach der Erfahrung des Nichts.“

Die Durchquerung des Unmöglichen, Vorwort, in der Übersetzung von Grit Fröhlich

L’être et la mer von 2024, „Das Sein und das Meer“, ist ihr philosophisch kühnstes Buch; die deutsche Übersetzung ist für 2028 bei C.H. Beck vorgesehen. Angelegt war es schon im Hoffnungsbuch, in einem Satz, der Sartre im Ohr hat, ohne ihn zu nennen: „Der phallokratische Existentialismus ist tot, es lebe der ökologische Existentialismus!“ Das neue Buch entwirft diesen ökologischen Existentialismus, der Sartres Grundgedanken, die Faktizität der menschlichen Lage und die Verantwortung ohne vorgegebenen Sinn, um die Einsicht ergänzt, dass wir einer Gemeinschaft von Lebewesen angehören. Aber Pelluchon will mehr als eine Koexistenz. Sie will den Menschen vom Meer her denken, von dem er lebt und das ihm fremd bleibt. Auf hoher See, sagt sie, sind wir nicht zu Hause; wir können ertrinken, weggespült werden. Das Meer bricht mit dem territorialen Denken, das die Politik und das Seerecht beherrscht, und es zwingt zu dem, was sie eine maritime Ontologie nennt, eine Ontologie vom Meer her, die vom möglichen gemeinsamen Schiffbruch ausgeht; man könnte sie, in einem Bild, das nicht ihres ist, eine flüssige Ontologie nennen. Die Académie de marine hat das Buch mit ihrer Medaille ausgezeichnet, die Académie de Saintonge, die ihrer Heimat, mit einem Preis.

Die Macht des Weiblichen, im Original La démocratie sans emprise ou la puissance du féminin, im März 2025 bei Rivages erschienen und im Mai 2026 bei C.H. Beck, wendet ihre Begriffe auf die Rückkehr des Autoritären an. Das Vorwort ist auf den 12. Dezember 2024 datiert, das Motto stammt von Erich Fromm, das erste Kapitel beginnt mit Antigone: „Zur Liebe, nicht zum Hass, bin ich geboren.“ Pelluchons These ist, dass die Totalitarismustheorie die neue Rechte nicht erfasst, weil diese nicht mit Waffen und Revolution kommt, sondern die Demokratie von innen aushöhlt. Was zwischen einem rechtsextremen Führer und seiner Anhängerschaft entsteht, nennt sie „emprise“, Bemächtigung: ein Begriff aus der Psychologie der häuslichen Gewalt, den das französische Recht seit 2020 kennt. Bemächtigung ist eine pathologische Beziehung zwischen zwei Seiten, die durch dieselbe narzisstische Verletzung aneinander gebunden sind. Der eine muss andere angreifen, um zu fühlen, dass er existiert, und um dem Zusammenbruch zu entgehen, den die Konfrontation mit der eigenen Zerbrechlichkeit auslösen würde; der andere sucht Anerkennung und Halt und wird daran gehindert, sich zu verteidigen. Die Verführung geht der Herrschaft immer voraus. Pelluchon stützt sich dabei ausdrücklich auf Adornos Studien zum autoritären Charakter von 1950, die gezeigt hatten, dass psychische Muster und die Erfahrung, sich selbst und der Welt fremd zu sein, mehr über die Anfälligkeit für den Faschismus sagen als soziale Klasse und wirtschaftliche Not, und auf Hannah Arendts Beschreibung der Verlassenheit in den Massendemokratien.

Hier zieht sie die Linie zu den Tieren, und sie zieht sie schärfer als in jedem Buch zuvor. Die dreifache Herrschaft, über die anderen Menschen, über die anderen Lebewesen und über uns selbst, kolonisiert nach ihrer Analyse die Vorstellungswelt und das Triebleben. Wer seine eigene Natur unterdrückt und seine Verletzlichkeit verabscheut, kann weder die Umwelt noch die Tiere respektieren noch gesunde Beziehungen zu Menschen aufbauen. Die grenzenlose Gewalt gegen Tiere folgt nach ihrer Darstellung derselben Logik der Projektion: Sadismus und Misshandlung seien Methoden, den Selbsthass abzubauen und andere für die Verachtung bezahlen zu lassen, die man für den leiblichen, verletzlichen Teil seiner selbst empfindet. Deshalb stehen in dem Kapitel über die Politik der Consideratio zwei Sätze, die die Forderung des Manifests von 2017 zur Bedingung des Schemawechsels machen, von dem für sie die Demokratie abhängt.

„Tierquälerei veranschaulicht wohl am extremsten die Herrschaft und die Folgen einer Verleugnung des Todes im großen Maßstab. Und so kann es keine Ablösung des Herrschaftsschemas ohne eine radikale Veränderung unserer Beziehung zu Tieren geben.“

Die Macht des Weiblichen, Kapitel „Politik der Wertschätzung“, in der Übersetzung von Grit Fröhlich

Tierwohl sei nicht nur um der Tiere willen wichtig, sondern habe eine strategische Dimension, weil es den Kern unseres Menschseins berühre. Consideratio bringe uns dazu, jedes Leben, auch das des einfachsten Tieres, als wertvoll zu betrachten und die Sorge um die Tiere in jede Alltagshandlung einzubeziehen, beim Essen, Kleiden, Fortbewegen, Bauen. Und die drastische Verringerung des Konsums von Fleisch und tierischen Produkten und ihr Ersatz durch pflanzliche, vor allem im Westen, würde nach dem Buch acht Milliarden Menschen ernähren und zugleich Wasser, Land und Meer, der Gesundheit, der Würde der Landwirte und dem Tierwohl zugutekommen. Das Gegenmittel gegen die Bemächtigung nennt sie „Macht des Weiblichen“ und bindet es ausdrücklich nicht an das Geschlecht: Das Weibliche sei weder der natürliche Körper noch eine bloße soziale Konstruktion, sondern ein Verhältnis zur Welt, inspiriert von historisch, sozial und leiblich geprägten Erfahrungen von Frauen. Was sie damit meint, lässt sich in drei Schritten sagen. Erstens eine Form von Macht, die sich von Herrschaft unterscheidet: potentia statt potestas, das Vermögen, etwas hervorzubringen, statt der Macht über andere. Zweitens eine Haltung: die Dankbarkeit, in einer Welt zu leben, die die Einzigartigkeit jedes Wesens aufnimmt, verbunden mit der Beständigkeit, sich immer wieder für das Leben zu entscheiden und Widrigkeiten zu überwinden, ohne die Gewalt zu wiederholen, die man bekämpft. Drittens eine Energie, für die sie das Bild der Glut wählt: Sie brennt, ohne sich zu verzehren, und strahlt, während Gewalt verbrennt und verwüstet, weil sie aus einer inneren Leere kommt. Weiblich heißt das alles nicht, weil es Frauen von Natur aus eigen wäre, sondern weil Frauen es unter Herrschaftsbedingungen über Jahrhunderte haben aufbringen müssen, mit Geduld und Entschlossenheit, um als eigenständige, vollwertige Wesen zu bestehen. Es ist eine Potenzialität des Menschseins, die Männern wie Frauen offensteht und in beiden häufig unterdrückt wird. Sie zeigt sich im Empfang der Neugeborenen, in der Fürsorge für die Schwächeren, seien sie Kinder oder Tiere, und in einer Politik, die auf Teilen und Wertschätzung beruht statt auf Bemächtigung. Das Buch wurde in Deutschland und in der Schweiz ausführlich und überwiegend positiv besprochen; die NZZ nannte es erfrischend und beflügelnd, einen kämpferischen, doch unaufgeregten Text, der zum Nachdenken Anlass gibt. Zugleich hat es einzelne kritische Einwände ausgelöst, unter anderem die Frage nach einem möglichen Essentialismus. Das Buch selbst hält dem entgegen, es leite aus diesen Erfahrungen keine weibliche Natur und kein Wesen der Frau ab; Frauen seien durchaus zu faschistischen Führerinnen fähig. Mit Ece Temelkuran zitiert es die Devise des radikal Männlichen, gegen die es geschrieben ist: Macht heißt Überwältigung, Herrschen heißt Kontrollieren, Existieren heißt Besitzen.

Die Tübinger Rede: Eine Summe

Am 13. Mai 2025 nahm Pelluchon in der Alten Aula der Universität Tübingen den Dr.-Leopold-Lucas-Preis entgegen, den die evangelisch-theologische Fakultät für Arbeiten vergibt, die, so der Stiftungszweck, zur Förderung der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern beitragen. Der Preis erinnert an den Rabbiner und Historiker Leopold Lucas, der 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt starb; seine Frau Dorothea wurde im Oktober 1944 in Auschwitz ermordet. Pelluchons Rede, auf Deutsch geschrieben und im August 2026 bei Mohr Siebeck zweisprachig erschienen, unter dem Titel Transdeszendenz, Ökologie, Demokratie. Unsere Ressourcen im Angesicht von Krisen, ist die kürzeste Zusammenfassung ihres Werks, die es gibt, und sie eröffnet den ersten Teil, die Diagnose, mit dem ersten Satz aus Adornos „Erziehung nach Auschwitz“: Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, sei die allererste an Erziehung. Auschwitz, sagt sie, sei der Name eines singulären Ereignisses und zugleich eine Chiffre für die Barbarei. Und sie erklärt, was Deutschland ihr bedeutet: die Sprache, die Phänomenologie, die Kritische Theorie, Leo Strauss, und jene Schicht der Erinnerung, die Levinas einen „Tumor im Gedächtnis“ genannt hat.

Die Rede hat drei Teile. Der erste, die Diagnose, nennt die vier Säulen der Aufklärung, kritisches Denken, moralische Gleichheit, Einheit der Menschheit in der Vielfalt, Vertrauen in die Vernunft, und erklärt, warum sie ohne Selbstkritik nicht mehr zu verteidigen sind. Hier grenzt sie sich präzise von Horkheimer und Adorno ab: Deren Konzept des instrumentellen Rationalismus erkenne sie an, aber das Herrschaftsschema sei ein Metakonzept, das über eine bloße Kapitalismuskritik hinausreiche und mit dem sich prüfen lasse, ob es wirklich eine Dialektik der Vernunft gebe. Die Verstümmelung der Vernunft, so ihre These, sei älter als der instrumentelle Rationalismus, der erst nach der Aufklärung entstanden sei; ihr Ursprung liege in der Ablehnung unserer leiblichen und verletzlichen Existenz, die die Herrschaft über andere, die Unterwerfung der Tiere und die Ausbeutung der Natur bestimme. Der zweite Teil, über die Ambivalenz des Menschen, führt die Consideratio auf die Transdeszendenz zurück, „Leben heißt: leben von, leben mit und leben für“, und erweitert sie um einen Gedanken aus L’être et la mer: die Verleugnung des Todes, die sie mit dem Anthropologen Ernest Becker für eine kulturelle Konstante hält und aus der sie Konsumzwang, Klimaskepsis und Allmachtsfantasien erklärt. In diesem Teil steht das Kapitel „Tiermassaker und Todeskultur“: Tierquälerei sei kein Randphänomen der Empörung, sondern ein Spiegel dessen, was wir geworden sind, ein Krieg gegen uns selbst, der die Fähigkeit zu Empathie und Mitgefühl verstümmelt. Eine Kultur, die den Tod verleugnet, verbreite ihn; die industrielle Tötung, die Milliarden fühlender Wesen zu anonymen Nummern macht, gewöhne an die Gewalt gegen alle, die als andersartig gelten. Diese Einsicht, sagt sie, sei die Voraussetzung dafür, das Laster unserer Zivilisation herauszureißen, „so, wie man einen Splitter aus dem eigenen Fleisch zieht“.

Der dritte Teil heißt „Erziehung zur Mündigkeit: Warum Demokratie auf Liebe beruht“ und verbindet die Bemächtigung aus dem Buch über das Weibliche mit der Hoffnung aus dem Buch über die Durchquerung. Die Anfälligkeit für den Neofaschismus erklärt sie nicht in erster Linie aus Armut oder Bildungsmangel, sondern aus dem Gefühl, verloren zu sein, und aus der Schwierigkeit, Verletzlichkeit anzunehmen und negative Gefühle zu durchleben; die Agitatoren, die sie mit Leo Löwenthal und Norbert Guterman „Lügenpropheten“ nennt, betreiben eine umgekehrte Psychoanalyse, die das Unbehagen nicht in Worte fasst, sondern verfestigt und in Groll verwandelt. Die Reflexivität, die daraus herausführt, gehe weit über Kants Ausgang aus der Unmündigkeit hinaus, weil sie auf die unbewussten Triebe achten müsse, die das Urteilsvermögen rauben. Und Demokratie setze reife Menschen voraus, die ihren Narzissmus überwunden oder sich seiner wenigstens bewusst geworden sind; wie die Liebe verlange sie, dass man nicht verzweifelt im Anderen Bestätigung sucht. Gegen das Ressentiment setzt sie mit Hannah Arendt die Dankbarkeit, gegen die potestas die potentia, und gegen die Gewalt, die nach Simone Weil die Seele derer versteinert, die ihr nachgeben, eine Wirkmacht, die aus der Überfülle der Liebe zur Welt kommt und die Welt nicht entzündet. Wer unter Öko-Angst leidet, sei keineswegs schwach, sondern Wächterin oder Wächter, die vor einer Wirklichkeit warnen, die größer ist als wir. Die Rede endet mit dem Gedicht, das dem Hoffnungsbuch als Motto voransteht, Péguys kleinem Mädchen Hoffnung, das seine beiden großen Schwestern mit sich zieht. Die Jury hatte in ihrer Begründung hervorgehoben, dass Pelluchon praxisnahe Lösungen innerhalb pluralistischer Demokratien vorschlage, „ohne sich radikalen oder bevormundenden Positionen anzuschließen“, und dass sie sich nicht in naivem Optimismus verliere, sondern begründete Hoffnung stiften wolle.

Zwölf Grundbegriffe, in eigenen Worten

Verletzlichkeit (vulnérabilité)Angewiesenheit auf andere und Offenheit für andere. Nicht der Grenzfall der Ethik, sondern ihr Grund: Verantwortung geht der Freiheit voraus.
Nahrungen (nourritures)Alles, wovon wir leben, von der Luft bis zur Arbeit, samt der Art, wie wir es beschaffen. Ersetzt „Ressourcen“ und überspringt den Gegensatz von Natur und Kultur.
Leben von (vivre de)Nicht nur leben mit oder in: Die Grundstruktur der Existenz, die die Philosophie der Freiheit übersehen hat. Vor dem Denken steht der Hunger.
Politischer Körper (corps politique)Ein Gesellschaftsvertrag essender, atmender, sterblicher Wesen, der deshalb Biosphäre, künftige Generationen und Tiere einschließt.
Speziesismus / AntispeziesismusDiskriminierung nach Artzugehörigkeit, 1971 benannt: Tiere nach Belieben gebrauchen zu dürfen. Antispeziesismus: gleiche Berücksichtigung der Interessen, nicht Gleichbehandlung; vereinbar mit der besonderen Verantwortung des Menschen.
Animalismus (animalisme)Die philosophische, soziale, kulturelle und politische Bewegung derer, die durch Lebensweise und gemeinsames Handeln für die Interessen der Tiere eintreten. Mehr als Veganismus: eine Vorstellung von Gesellschaft und Gerechtigkeit.
Veganismus (véganisme)Eine Lebensweise ohne jede Nutzung von Tieren, in Ernährung, Kleidung, Kosmetik und Freizeit. Für Animalisten eine mögliche Konsequenz ihrer Überzeugung, aber weder Bedingung der Zugehörigkeit noch politische Forderung.
Zoopolitik (zoopolitique)Die Einbeziehung der Tiere in die politische Gemeinschaft, nach Donaldson und Kymlicka. Tiere sind politische Subjekte mit Interessen, aber keine Bürger; Menschen müssen für sie sprechen.
Consideratio (considération)Nach Bernhard von Clairvaux keine Tugend, sondern der Eckstein aller Tugenden, eine Seinsweise: das gelebte Wissen um die Solidarität mit den anderen Lebenden, gegründet auf der Demut, dem Sockel aller Tugenden, und auf der Erfahrung eines Unermesslichen, das für Pelluchon nicht Gott ist, sondern die gemeinsame Welt.
Transdeszendenz (transdescendance)Die Vertiefung in die eigene Tiefe, die nicht beim reinen Ich endet, sondern bei der Zugehörigkeit zur gemeinsamen Welt, „wie eine Transzendenz in der Immanenz“. Gegenbegriff zu Jean Wahls Transaszendenz nach oben.
Herrschaftsschema (schème de la domination)Die Gesamtheit von Vorstellungen und Entscheidungen, die unser Verhältnis zu anderen Menschen, zu anderen Lebewesen und zu uns selbst in Krieg verwandeln.
Hoffnung (espérance)Überwundene Verzweiflung, weder Optimismus (Verleugnung) noch Wunsch (espoir): die Durchquerung des Unmöglichen ohne Garantie.

Mitgefühl mit fühlenden Wesen

Bei Corine Pelluchon steht das Verhältnis zu den Tieren im Zentrum des Werks, und die Frage lautet nicht, ob sie Mitgefühl für fühlende Wesen begründet hat, sondern wie sie es philosophisch begründet und welche ethischen und politischen Konsequenzen daraus folgen. Die Begründung ist nicht utilitaristisch wie bei Peter Singer, der Leiden gegen Leiden aufrechnet, und nicht rechtstheoretisch wie bei Tom Regan, der Tieren Rechte als Subjekten eines Lebens zuspricht. Sie ist phänomenologisch. Das Tier ist für Pelluchon ein Wesen, das wie ich von Nahrungen lebt, das wie ich verletzlich, gezeugt und sterblich ist, und dessen Verletzlichkeit mich anspricht, bevor ich es mir aussuche. Mitgefühl und Mitleid, heißt es im Manifest, beruhen auf einer unmittelbaren Identifikation, die der Reflexion und der Unterscheidung zwischen Ich und Anderen vorausgeht, und sie setzen voraus, dass ich den anderen als Lebewesen anerkenne, nicht wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Art. In der Ethik der Wertschätzung macht sie dieses Mitgefühl, mit Rousseau und Lévi-Strauss, gegen Singer zum eigentlichen Motor der Veränderung. Wer die Bilder aus den Mastbetrieben gesehen hat, kann sie nicht wieder vergessen.

„Niemand kann das Leid der Tiere ermessen, ohne selbst zu leiden, denn ihr Leben ist die Hölle. Diese Hölle ist das Werk des Menschen und zeigt das ganze Ausmaß des Bösen, zu dem wir fähig sind. […] Weder für die Tiere noch für diejenigen, die sich ihres Elends annehmen, gibt es einen Sonntag.“

Manifest für die Tiere, Teil I, Kapitel „Großzügiges Engagement“, in der Übersetzung von Michael Bischoff

Das Besondere ihrer Position ist, dass sie das Mitgefühl nicht bei den Tieren enden lässt, sondern auf die Menschen zurückwendet, die von ihrer Ausbeutung leben. Die Arbeiter in den Schlachthöfen, die Landwirte, die in einem System gefangen sind, das sie ebenso zermahlt wie ihre Tiere, gehören für sie zu den Opfern des Herrschaftsschemas. Deshalb ihre Weigerung, aus den Fleischessern Täter zu machen, deshalb Lincoln, deshalb Übergang und Umschulung statt Anklage. Und deshalb ihr Satz, die Frage der Gerechtigkeit gegenüber den Tieren schließe die Frage, welche Rechte man ihnen einräume, ein und gehe über sie hinaus: Es geht um eine andere Art, Gesellschaft zu denken, nicht um einen Anhang zum Bürgerlichen Gesetzbuch. In ihrer Tübinger Preisrede von 2025 sind ihr die Beziehungen zu den Tieren, weil sie die pathische und archaische Dimension des Psychischen berühren, „ein Weg der Transdeszendenz und eine Schule der consideratio“, und sie liest dort die Stellen, an denen die Frankfurter Schule von den Tieren sprach: Horkheimers Wolkenkratzer mit der Tierhölle ganz unten und, in einer Anmerkung, Adornos Erinnerung in der Negativen Dialektik an den Hotelbesitzer Adam, der vor den Augen des Kindes Ratten mit dem Knüppel erschlug. Der Tod eines gesunden Tieres für unseren Gaumen bleibt für sie gleichwohl eine Überschreitung. Das Recht, es zu töten, schrieb sie 2022 in ihrem Briefwechsel mit Jocelyne Porcher, gründe nicht in der Natur der Dinge, sondern in einer Konvention, einer Gewohnheit, einer Sitte, und es sei illegitim, sobald die Tötung nichts absolut Notwendiges habe.

Was dieses Mitgefühl bedeutet, hat sie nirgends so genau beschrieben wie im fünften Kapitel des Hoffnungsbuchs, das „Hinter den Spiegeln mit den Tieren“ heißt und mit einem Satz Adornos aus den Stichworten beginnt: „Der Fortschritt ereignet sich dort, wo er endet.“ Der Tierschutz, schreibt sie dort, sei der Schlüssel zu der Metanoia, der Umkehr, die ein anderes Entwicklungsmodell verlangt, weil er die schonungslose Konfrontation mit Leid bedeutet, die das Subjekt erschüttert. Wer einmal durch den Spiegel gegangen sei und gesehen habe, was auf der anderen Seite geschieht, wo Tiere eingesperrt, gehäutet und geschlachtet werden, komme nie zurück; er müsse akzeptieren, bis ans Ende seiner Tage zu leiden, mit einem Dolch im Herzen, den man nicht herausziehen kann, in einer Traurigkeit wie eine nicht enden wollende Totentrauer. Dieses Unbehagen sei intensiver als die Öko-Angst, denn Umweltschäden seien die unerwünschte Folge eines Entwicklungsmodells, das Massaker an den Tieren dagegen das Ergebnis unserer willentlichen Handlungen: der Unterschied zwischen Zerstörung und Mord. Sie verschweigt die Gefahren nicht, die Verzweiflung, den Hass auf die Menschheit, den Dogmatismus, die Tyrannei des Guten in Kreisen, die unter sich bleiben. Aber der Ausweg ist für sie derselbe wie für jede Hoffnung: Das Leiden am Leiden der Tiere verschwinde nicht, es verwandle sich in ein Engagement, das kurz-, mittel- und langfristig Ergebnisse will, und in dem sich welfaristische und abolitionistische Positionen überschneiden, mit dem Ziel, dass die Tötung eines Tieres ohne Notwendigkeit, weil sie illegitim ist, eines Tages auch nicht mehr legal ist. Die anthropologische Revolution, die sich im wachsenden Interesse am Schicksal der Tiere anzeigt, hält sie für so tief wie Domestizierung und Ackerbau in der Jungsteinzeit. Und sie beendet das Kapitel mit einem Satz, der die Lage aller benennt, die sich für die Tiere einsetzen:

„Die Tiere, die ein elendes Leben hatten und qualvoll gestorben sind, werden nicht wieder lebendig. Doch wir, die wir uns für sie einsetzen, werden nicht vergeblich gekämpft haben.“

Die Durchquerung des Unmöglichen, Schluss des Kapitels „Hinter den Spiegeln mit den Tieren“, in der Übersetzung von Grit Fröhlich

Legt man eine Definition zugrunde, nach der vegan bedeutet, anderen fühlenden Lebewesen Mitgefühl entgegenzubringen, dann erfüllt Corine Pelluchon sie im Denken wie im Leben, ohne sich deshalb als Vorbild zu verstehen. Was Veganismus heißt, definiert das Glossar ihres Manifests als ein Moralverständnis und eine Lebensweise, die in allen Lebensbereichen auf Erzeugnisse aus Tieren verzichtet. Als politische Forderung stellt sie ihn dennoch nicht auf: Das Manifest beschreibt den Weg, den sie für die Verbraucher für vorstellbar hält, von weniger Fleisch über die vegetarische zur veganen Ernährung, sobald das Angebot da ist. Und sie hat es abgelehnt, sich auf ein Etikett festlegen zu lassen: Der Veganismus ist für sie keine Identität, sondern eine Konsequenz, die die Philosophin aus ihrer Philosophie zieht. Das ist die Haltung, die ihre ganze Ethik trägt. Der Animalismus ist keine Moral der Reinheit. Es geht ihr nicht um moralische Reinheit und nicht um eine beispielhafte persönliche Kohärenz, sondern darum, aus philosophischen Überzeugungen praktische Konsequenzen zu ziehen und zugleich anzuerkennen, dass jede Lebensweise Widersprüche enthält. Consideratio verlangt nicht Reinheit, sondern das Aushalten der eigenen Verstrickung, ohne sie zur Ausrede zu machen.

Der Igel und andere Wissenswürdigkeiten

Auf die Frage, ob sie ein Fuchs oder ein Igel sei, nach Isaiah Berlins berühmter Unterscheidung zwischen Denkern, die viele Dinge wissen, und solchen, die eine große Sache wissen, hat Pelluchon sich als Igel bezeichnet. Die Verletzlichkeit ist einer der großen roten Fäden ihres Werks, aus dem sich im Laufe der Jahre neue Begriffe und eigenständige philosophische Problemstellungen entwickelt haben: die Nahrungen, die Leiblichkeit, die Consideratio, die Transdeszendenz, die Philosophie der Bewohnung der Erde und zuletzt der ökologische Existentialismus. Der Igel kennt eine große Sache, aber er gräbt sie immer tiefer. Ihre literarischen Lieben sind älter als ihre philosophischen: Camus, Sartre, Rilke, Kafka. Ihr erstes Buch war kein philosophisches, sondern ein Roman, La Flamme ivre, „Die trunkene Flamme“, von 1999, geschrieben in dem Jahr, in dem sie die Dissertation begann; ein zweites erzählendes Buch, das republikanische Märchen Comment va Marianne?, „Wie geht es Marianne?“, folgte 2012.

Ihr Verhältnis zur akademischen Welt war nicht immer einfach; sie hat wiederholt deren Netzwerke, Machtmechanismen und Ausschlussformen kritisiert. Deutlich ist ihre Wirkung außerhalb: Auftritte in der Nationalversammlung 2016, 2018 und 2020, zuletzt als förmliche Anhörung, und im Wirtschafts- und Sozialrat 2019, Vorträge auf der Veggie Pride wie in der Katholischen Akademie.

Dass die Tochter von Landwirten zur wichtigsten philosophischen Stimme der Tierfrage wurde, gehört zu den bemerkenswerten Linien ihres Lebens, und ihre wichtigste Gesprächspartnerin in dieser Frage kommt ebenfalls vom Hof: Jocelyne Porcher, ehemalige Bäuerin und Forscherin am Agrarinstitut INRAE, verteidigt die bäuerliche Tierhaltung als Beziehung von Gabe und Gegengabe. Die beiden vertreten unterschiedliche philosophische Positionen und haben gerade deshalb 2022 unter dem Titel Pour l’amour des bêtes, „Aus Liebe zu den Tieren“, einen ausführlichen Briefwechsel geführt, in dem jede die andere ernst nimmt. Pelluchon unterscheidet dort zwischen Nutzung, Ausbeutung und Tötung, und die Unterscheidung ist genauer, als sie auf den ersten Blick wirkt: Dass sie eine Nutzung von der Ausbeutung trennt, heißt nicht, dass sie die Tierhaltung als solche philosophisch legitimiert. Entscheidend ist für sie die Tötung eines gesunden Tieres ohne Notwendigkeit, die sie als schwere Überschreitung betrachtet. Und sie unterscheidet, wie schon im Manifest, zwischen den politischen Übergängen und den kurzfristig möglichen Verbesserungen auf der einen Seite und dem langfristigen Horizont einer Gesellschaft auf der anderen, die sich von der Ausbeutung der Tiere löst. Wer diese beiden Ebenen auseinanderhält, findet zwischen dem Manifest und dem Briefwechsel keinen Widerspruch. Dass sie zugleich mit Alain Finkielkraut in dessen Radiosendung stritt und in der konservativen Zeitschrift Causeur wohlwollend rezensiert wurde, weil sie „ausnahmsweise nicht die Menschen abschaffen“ wolle, zeigt, wie quer sie zu den Lagern steht.

Ihre Ehrenlegion kam nicht über das Kultur- oder Bildungsministerium, sondern über das Ministerium für den ökologischen Übergang.

Wirkung

In Frankreich hat Pelluchon die Tierfrage aus den Cahiers antispécistes und den Aktivistenkreisen in die Philosophie geholt. Sie steht damit nicht allein; Élisabeth de Fontenay und Florence Burgat haben große Teile ihres Werks ebenfalls den Tieren gewidmet. Aber keine hat die Tierfrage so entschieden aus der Ethik in die politische Philosophie und die Institutionen getragen. Ihre Bücher liegen inzwischen auf Spanisch, Italienisch, Griechisch, Koreanisch, Japanisch, Englisch und Deutsch vor, und Deutschland ist das Land, in dem sie außerhalb Frankreichs am stärksten wahrgenommen wird: rund ein Dutzend Titel seit 2019 bei wbg, C.H. Beck, transcript, Alber und Mohr Siebeck, zwei Preise, anderthalb Jahre Aufenthalt, Auftritte von der phil.Cologne bis zur Humboldt-Universität.

Bleibt die Behauptung, mit der dieser Essay begann: dass jeder sie kennen sollte. Sie ist nicht leicht einzulösen, und dafür gibt es zwei Gründe. Pelluchon ist anspruchsvoll zu lesen, weil sie neue Wörter für neue Gedanken braucht und keine Anekdoten erzählt. Und sie ist nicht leicht einzuordnen, weil sie den Streit zwischen Reform und Abschaffung, zwischen Aufklärung und Aufklärungskritik, zwischen Tierrecht und Humanismus nicht entscheidet, sondern überwindet. Aber genau das ist der Grund, sie zu lesen.

Denn ihr Werk behandelt die Tierfrage nicht als Spezialgebiet, sondern stellt sie in eine umfassendere Kritik des Herrschaftsschemas und in eine andere Vorstellung von Gesellschaft, Gerechtigkeit und Demokratie. Es verbindet die ökologische, die tierethische und die demokratische Frage in einem Gedanken: Wir sind verletzliche Wesen, die von anderen leben, und eine Vernunft, die das vergisst, ist keine. Aus diesem Grund sind über die Jahre Begriffe entstanden, die aufeinander aufbauen: die Nahrungen, der Animalismus, die Consideratio, die Transdeszendenz, das Herrschaftsschema. Wer wissen will, wie diese Fragen zusammenhängen, kommt an Corine Pelluchon nicht vorbei. Man muss sich dafür Zeit nehmen. Aber das ist bei ihr kein Mangel, sondern Methode: Man muss sich immer Zeit nehmen, um etwas wirklich Gutes zu erschaffen. Sie hat es getan, in jedem ihrer Bücher.

Zeittafel

1967
Geboren in der Charente.
1986–90
Studium an der Sorbonne: Licence, Maîtrise über Kant, DEA über Augustinus und Kierkegaard.
1990
Beginn des Schuldienstes als Philosophielehrerin; Agrégation 1995.
1999
Roman La Flamme ivre.
2003
Promotion über Leo Strauss bei Rémi Brague.
2005
Leo Strauss, une autre raison, d’autres Lumières (Prix François Furet 2006).
2006–07
Gastdozentin für Medizinethik an der Boston University.
2007
Begleitung Sterbender in einem Pariser Krankenhaus im Rahmen der bioethischen Arbeit.
2008
Maître de conférences in Poitiers.
2009
L’autonomie brisée.
2010
Habilitation bei Alain Renaut.
2011
Éléments pour une éthique de la vulnérabilité (Grand Prix Moron 2012).
2013
Professorin in Besançon; Tu ne tueras point.
2015
Les Nourritures (Prix Édouard-Bonnefous der Académie des sciences morales et politiques 2015, Prix Paris-Liège 2016; deutsch 2020 als Wovon wir leben).
2016
Professorin an der Université Paris-Est Marne-la-Vallée (heute Gustave Eiffel).
2017
Manifeste animaliste (deutsch 2020 als Manifest für die Tiere).
2018
Éthique de la considération (deutsch 2019 als Ethik der Wertschätzung).
2020
Günther-Anders-Preis für kritisches Denken; Pour comprendre Levinas; Réparons le monde.
2021
Les Lumières à l’âge du vivant (deutsch im selben Jahr als Das Zeitalter des Lebendigen); Chevalier de la Légion d’honneur; Fellow am New Institute Hamburg.
2022
Paul Ricœur, philosophe de la reconstruction; Briefwechsel Pour l’amour des bêtes mit Jocelyne Porcher.
2023
L’espérance, ou la traversée de l’impossible (deutsch im selben Jahr als Die Durchquerung des Unmöglichen); Gastforscherin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin.
2024
L’être et la mer; Mitglied der Commission nationale consultative des droits de l’homme.
2025
La démocratie sans emprise ou la puissance du féminin; Dr.-Leopold-Lucas-Preis Tübingen; Ehrendoktorat Ioannina.
2026
Mai: deutsche Ausgabe Die Macht des Weiblichen (C.H. Beck); August: Transdeszendenz, Ökologie, Demokratie. Unsere Ressourcen im Angesicht von Krisen (Mohr Siebeck, zweisprachig).

Zum Weiterlesen

Diese Auswahl ist keine Bibliografie, sondern eine Leseempfehlung: die Bücher, mit denen man Corine Pelluchon am besten kennenlernt, in der Reihenfolge, in der man sie lesen könnte. Alle Titel sind auf Deutsch erschienen; wo eine Ausgabe vergriffen ist, hilft das Antiquariat oder die Bibliothek.

Manifest für die TiereC.H. Beck, München 2020, aus dem Französischen von Michael Bischoff (Original: Manifeste animaliste. Politiser la cause animale, Alma 2017). Wer nur ein Buch von ihr liest, sollte dieses lesen: gut hundert Seiten, jeder Satz ohne Vorwissen verständlich, das ganze Programm des Animalismus samt konkreten Forderungen. Der beste Einstieg, und das Buch, das man weitergeben kann.
Die Durchquerung des Unmöglichen. Hoffnung in Zeiten der KlimakatastropheC.H. Beck, München 2023, aus dem Französischen von Grit Fröhlich (Original: L’espérance, ou la traversée de l’impossible, Rivages 2023). Ihr Buch über die Hoffnung nach der Verzweiflung; das Kapitel „Hinter den Spiegeln mit den Tieren“ ist die eindringlichste Beschreibung dessen, was es heißt, mit offenen Augen zu leben.
Die Macht des Weiblichen. Ideen zu einer Demokratie ohne HerrschaftC.H. Beck, München, Mai 2026, aus dem Französischen von Grit Fröhlich (Original: La démocratie sans emprise ou la puissance du féminin, Rivages 2025). Ihr neuestes Buch: warum die Rückkehr des Autoritären eine Frage der Psyche ist und warum es keine Ablösung des Herrschaftsschemas ohne ein anderes Verhältnis zu den Tieren gibt.
Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärungwbg Theiss, Darmstadt 2021 (Original: Les Lumières à l’âge du vivant, Seuil 2021). Das Buch, mit dem sie in Deutschland bekannt wurde: die Aufklärung retten, indem man ihr Fundament austauscht. Anspruchsvoll, aber lohnend; vergriffen.
Wovon wir leben. Eine Philosophie der Ernährung und der Umweltwbg Academic, Darmstadt 2020 (Original: Les Nourritures. Philosophie du corps politique, Seuil 2015). Das Fundament ihrer politischen Philosophie: der Hunger am Anfang der Ethik, die Nahrungen statt der Ressourcen, ein Gesellschaftsvertrag für Wesen, die essen. Für alle, die wissen wollen, worauf das Manifest steht; vergriffen.
Ethik der Wertschätzung. Tugenden für eine ungewisse Weltwbg Academic, Darmstadt 2019 (Original: Éthique de la considération, Seuil 2018). Die Tugendethik hinter allem, mit Bernhard von Clairvaux, der Demut und der Transdeszendenz; die Tiere sind darin der Prüfstein. Vergriffen; eine Neuübersetzung unter dem Titel Consideratio ist im Verlag Karl Alber angekündigt.
Transdeszendenz, Ökologie, Demokratie. Unsere Ressourcen im Angesicht von KrisenMohr Siebeck, Tübingen, August 2026, zweisprachig deutsch und englisch (Reihe Leopold-Lucas-Preis; englischer Titel Transdescendence, Ecology, Democracy. Our Resources in a Time of Upheaval). Die Tübinger Rede: ein schmaler Band, frei zugänglich im Netz. Wer nach dem Manifest wenig Zeit hat, greift zuerst zu diesem.

Wer Französisch liest, findet in L’être et la mer (PUF 2024) das Buch, das noch auf seine deutsche Übersetzung wartet, und in Pour l’amour des bêtes (Mialet-Barrault 2022), dem Briefwechsel mit Jocelyne Porcher, das Gespräch, in dem sie ihre Position am direktesten erklärt. Neuerscheinungen, Übersetzungen und Vorträge verzeichnet ihre Website corine-pelluchon.fr.

Dieser Essay beruht auf den veröffentlichten Büchern, Vorträgen und Interviews Corine Pelluchons. Lektüre, Auswahl und Urteile sind die des Verfassers und liegen allein in seiner Verantwortung.

September 2026, Herr Jung, Animalist · www.herrjung.ch