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Herr Jung, Animalist
Essay

Um des lieben Friedens willen

Die Neutralität der Schweiz, betrachtet mit Dichtern und Denkern

Website-Fassung, 18. September 2026 · Essay in neun Teilen
18. September 2026Lesezeit etwa 45 MinutenAls PDFAlle Essays

I. Die Fakten

Wer über die Neutralität der Schweiz schreiben will, muss zuerst sagen, wovon er spricht. Denn beides, die Schweiz und ihre Neutralität, hat kein Geburtsdatum, sondern eine Entstehungsgeschichte, und die Historiker sind sich nur darin einig, dass die bekanntesten Daten die unsichersten sind.

Die Schweiz gibt es dreimal. Als Bündnis von Talschaften und Städten besteht sie seit dem 14. Jahrhundert; der älteste sicher datierte Bund von Uri, Schwyz und Unterwalden stammt vom 9. Dezember 1315 und blieb fast fünfhundert Jahre in Kraft. Der Bundesbrief von 1291, den das Land 1891 zum Gründungsdokument erhob, ist die überlieferte Gründung, nicht die belegte. Als souveränes Staatswesen gibt es die Schweiz seit 1648, als der Westfälische Friede die Eidgenossenschaft von den Gerichten des Reichs ausnahm, was Frankreich und die anderen Mächte als Souveränität lasen; zwanzig Jahre später gebrauchte die Tagsatzung das Wort zum ersten Mal selbst. Und als den Staat, in dem wir heute leben, gibt es sie seit dem 12. September 1848, dem Tag der Bundesverfassung. Der Mediävist Bernhard Stettler hat es auf einen Satz gebracht: «Die Schweiz, in der wir leben, ist 1848 entstanden.»

Die Neutralität ist jünger als das Bündnis und älter als der Bundesstaat. Das Wort fällt 1536 zum ersten Mal, als ein Zürcher Gesandter forderte, die Eidgenossenschaft solle «unpartyung und neutralitet» halten. Im Januar 1647, im vorletzten Jahr des Dreissigjährigen Kriegs, schufen die Orte mit dem Defensionale von Wil ihr erstes gemeinsames Verteidigungswerk. 1674, im Holländischen Krieg, erklärte die Tagsatzung zum ersten Mal offiziell, «dass wir uns als ein Neutral Standt halten und wohl versorgen wollen und sollen», und sie wiederholte das in jedem folgenden Krieg. Am 20. November 1815 anerkannten die europäischen Mächte in Paris die immerwährende Neutralität der Schweiz, auf deren eigenes, hartnäckiges Betreiben. Und 1907 wurde das Neutralitätsrecht in den Haager Abkommen kodifiziert; seither ist es nicht mehr neu gefasst worden. Marignano 1515 und Bruder Klaus gehören nicht in diese Reihe. Den Eremiten machte man schon im 17. Jahrhundert zum Kronzeugen der Neutralität, die Schlacht erst um 1900.

Seit dem Sommer 1815, als eidgenössische Truppen zum letzten Mal in ein fremdes Land einmarschierten, hat die Schweiz keinen Krieg gegen einen anderen Staat geführt: zweihundertelf Jahre. Ihren letzten Krieg überhaupt führte sie 1847 gegen sich selbst; der Sonderbundskrieg kostete dreiundneunzig Soldaten das Leben. Danach fielen noch drei Schweizer Flieger bei der Verteidigung des neutralen Luftraums, zwei 1940 im Kampf mit deutschen Maschinen, einer später durch amerikanische Jäger.

Verankert ist die Neutralität in der Verfassung seit 1848, aber an unscheinbarer Stelle. Der Verfassungsgeber lehnte es ausdrücklich ab, sie unter die Zwecke des Bundes zu setzen; sie sei «ein Mittel zum Zwecke», und die Eidgenossenschaft müsse sich vorbehalten, «aus ihrer neutralen Stellung heraus zu treten». So steht sie bis heute nur in den Aufgabenartikeln von Parlament und Regierung, die Massnahmen «zur Wahrung der äusseren Sicherheit, der Unabhängigkeit und der Neutralität der Schweiz» zu treffen haben; 1848 hiess es noch «Behauptung». Eine amtliche Definition gibt es dennoch. Sie steht in einem Bericht des Bundesrats von 2005 und lautet, wie Micheline Calmy-Rey sie wiedergibt: Neutralität ist «jenes Prinzip der Aussenpolitik, wonach sich ein Staat verpflichtet, sich nicht militärisch in einen bestimmten zwischenstaatlichen Konflikt (zeitweilige Neutralität) oder in alle künftigen Konflikte (dauerhafte Neutralität) einzumischen, wenn die kriegführenden Parteien dafür die Unversehrtheit seines Territoriums achten». Mehr verlangt das Recht nicht. Alles Weitere ist Politik.

II. Die Beweggründe

Die Frage, warum die Eidgenossen neutral wurden, hat eine einfache Antwort: Sie wollten Frieden, ihren eigenen. Die Wörter, die sie gebrauchten, waren «Fried und Ruhstand» und die Erhaltung des «freien Standes», für die es, so die Antwort an den Kaiser von 1629, «kein köstlicheres Kleinod» gebe, als die Pässe in der eigenen Gewalt zu haben. Das ist Friede, aber nicht als Idee, sondern als Zustand: kein fremdes Heer im Land, kein Krieg zwischen den eigenen Orten, die Höfe unversehrt. Ein einziges Mal, 1636, schrieb die Tagsatzung «aus christlichem Mitleid» Mahnschreiben zum Frieden an den Kaiser, die Kurfürsten, Schweden, Frankreich, Spanien, Savoyen und den Papst; sie blieben ohne Wirkung. Von einer Mission oder einem Vorbild ist in den Neutralitätserklärungen des 17. Jahrhunderts nicht die Rede. Die Neutralität war nicht das Ziel. Sie war der Weg, der übrig blieb, als alle anderen Wege in den Krieg führten. Als Schimpfwort gebrauchten es zuerst die Gegner: Wer neutral war, hiess Neutralist. Für den schwedischen Gesandten war die Neutralität 1632 «Faulkeit und Verrätherei», und in Zürich hiess es um 1630, der neutrale Weg sei «der aller elendste», «nicht gut noch christlich».

Vier Gründe zwangen die Eidgenossen in diese Haltung. Der erste war die Spaltung des Landes in zwei Glaubenslager. Seit der Reformation standen sich katholische und reformierte Orte gegenüber, und jedes Lager hatte draussen seine eigenen Freunde: die katholischen Orte den Kaiser und Spanien, Zürich und Bern die protestantischen Fürsten und Venedig. Als 1618 in Europa der Glaubenskrieg ausbrach, wurde das zur Falle. Wären die reformierten Orte ihren Glaubensbrüdern zu Hilfe gezogen, hätten die katholischen den Kaiser gerufen, und die Front wäre mitten durch das eigene Land gelaufen. Neutralität hiess deshalb zuerst etwas sehr Einfaches: Wer draussen niemandem hilft, muss drinnen niemanden bekämpfen. Die reformierten Städte sagten das 1610 selbst, als sie den Beitritt zur evangelischen Union ablehnten, weil sonst die anderen Eidgenossen Grund hätten, «stil ze sizen und sich neutral ze halten». 1633 kam es dennoch fast zum Bruch: Zürichs oberster Pfarrer Breitinger drängte die Neutralisten aus dem Kriegsrat, und der Kriegsrat verhandelte heimlich mit den Schweden über einen Angriff auf die katholischen Orte. Dass daraus nichts wurde, lag an den anderen reformierten Städten. Basel und Schaffhausen lagen ungeschützt am Rhein, wo jeder Krieg zuerst angekommen wäre, und waren seit ihrem Beitritt 1501 verpflichtet, in inneren Händeln stillzusitzen und zu vermitteln; Bern wollte weder die Erbeinung mit Habsburg noch die eidgenössischen Bünde brechen. Dazu kam in Zürich selbst die Gegenpartei um Bürgermeister Holzhalb, die gute Beziehungen zu den katholischen Orten pflegte. Als die Schweden 1634 bei Nördlingen geschlagen wurden, war die Gefahr vorbei. Die Neutralität hatte sich nur mühsam durchgesetzt.

Der zweite Grund waren die Verträge. Mit Habsburg band die Erbeinung von 1511, mit Frankreich der Ewige Friede von 1516; beide verboten, dem Gegner zu helfen. Wer beiden Nachbarn versprochen hatte, nicht gegen sie zu ziehen, konnte nur noch stillsitzen.

Der dritte Grund war die Angst, und sie war nicht abstrakt. Die Eidgenossen hatten den Krieg vor der Haustür. Das Bündnerland zerfiel in zwanzig Jahren von Wirren, das Fürstbistum Basel wurde von Franzosen, Schweden und Kaiserlichen verwüstet, 1633 standen die Schweden in Stein am Rhein, 1638 die Truppen Bernhards von Weimar im Fricktal. In Mitteleuropa starb in diesen dreissig Jahren etwa jeder dritte Mensch, in Süddeutschland noch mehr. Die Tagsatzung selbst sprach 1636 davon, dass Gott das Land «mit dem Kriegselend bisher verschont» habe. Wer das wusste, wollte es seinem Dorf, seinem Hof und seiner Familie nicht antun. Die Furcht, die eigenen Leute zu verlieren, steht in keiner Tagsatzungsakte, aber sie steht hinter jeder: Was sie «Fried und Ruhstand» nannten, meinte genau das.

Der vierte Grund war das Geld. Neutralität war billig, und der Krieg der anderen war ein Geschäft. Bern gab 1732 knapp vier Prozent seines Haushalts für die Verteidigung aus, Frankreich um 1700 nach der Rechnung des Historikers Thomas Maissen drei Viertel. Die Orte verzichteten auf stehende Heere, auf direkte Steuern und meist auf Schulden; sie lebten von Salz, Zöllen und Pensionen, die Frankreich und Spanien für das Recht bezahlten, in der Schweiz Soldaten zu werben. In den katholischen Orten machten diese Jahrgelder zeitweise mehr als die Hälfte der öffentlichen Einnahmen aus, und sie flossen nicht nur in die Kassen, sondern heimlich auch in die Taschen der Ratsherren, Stadtschreiber und Chronisten. Als Zürich in den 1640er-Jahren eine Wehrsteuer von einem Promille erhob, gab es Aufruhr auf dem Land. Man wollte sparen, oben wie unten.

Und hier liegt der Widerspruch, den jede philosophische Betrachtung aushalten muss. Die Eidgenossen hielten den Krieg von ihrem Land fern, nicht von ihren Söhnen. Zwanzig- bis dreissigtausend Schweizer kämpften im Dreissigjährigen Krieg als Söldner, für Frankreich wie für Spanien; im 17. Jahrhundert stand nach Maissens Schätzung jeder vierte Mann über sechzehn mindestens einmal in fremden Diensten; 1709 standen sich bei Malplaquet Schweizer Regimenter gegenüber, Verwandte unter ihnen: Das Regiment des Berners Gabriel von May stand in niederländischen Diensten, sein Verwandter Hans Rudolf von May focht für Frankreich. Achttausend Schweizer blieben an diesem Tag auf dem Feld, zum Teil im unmittelbaren Kampf gegeneinander. Freiwillig war das nur dem Namen nach. Wer ging, war jung, unverheiratet und ohne Erbe, ein Knecht oder Taglöhner aus einem Land, das seine Leute nicht ernähren konnte. In den Bergtälern war der Solddienst über Jahrhunderte «die einzige Alternative zu einem Dasein als Hirte oder Knecht», schreibt der Historiker Volker Reinhardt, und ausschlaggebend blieben «die kargen Lebensbedingungen der unteren Schichten». Wer ging, ging nicht nur für sich. Das Elend der gemeinen Soldaten «und der von ihnen finanziell abhängigen Angehörigen» sei im 18. Jahrhundert offenkundig gewesen, schreibt das Historische Lexikon der Schweiz; Geld für die Zeit nach der Heimkehr beiseitezulegen, war da längst unmöglich geworden. Schon für die vierzig Jahre zwischen den Burgunderkriegen und Marignano rechnet man mit über hunderttausend Söldnern, von denen die Hälfte nicht zurückkam; wer zurückkam, brachte «eher Krankheit und Verrohung als Reichtum und Ansehen» heim. Reich wurden andere: die Familien, denen die Kompanien gehörten und die die Pensionen der Könige einstrichen, die Zurlauben in Zug, die Reding in Schwyz, die Schmid in Uri, über Jahrhunderte. Der Historiker Thomas Maissen hat es in einem Satz gesagt:

«Das Blut der Söldner sorgte also in erster Linie dafür, dass der Schweiz in Europa eine andere Bestimmung zukam als der Kriegsschauplatz.»

Thomas Maissen, Geschichte der Schweiz, Kapitel «Söldner als Exportprodukt»

Die Neutralität war kein Verzicht auf den Krieg. Sie war seine Auslagerung, und die Armen bezahlten sie.

Was aus der Not entstand, wurde erst nachträglich zur Tugend. 1653 schrieb der Zürcher Theologe Hottinger, die Glaubensspaltung sei nicht der Grund des Niedergangs, sondern die Voraussetzung des Friedens. 1659 sprach ein Basler Pfarrer zum ersten Mal von der «wohlhergebrachten» Neutralität, 1688 die Tagsatzung, und 1698 setzte Zürich in seinem Rathaus den Fuchs auf eine Ofenkachel, der Abstand hält zu zwei kämpfenden Löwen. Der Fuchs war bis dahin das Sinnbild der Verschlagenheit gewesen. Nun stellte er den «weisen freyen Stand» dar.

Damit ist die Frage gestellt, die den Rest dieses Essays trägt: ob eine Tugend weniger wert ist, weil sie aus der Not geboren wurde, und ob ein Gemeinwesen, das seinen Frieden mit dem Blut seiner Ärmsten bezahlt, friedlich genannt werden darf.

III. Die Denker

Die Eidgenossen haben über das, was sie taten, nicht nachgedacht. Andere taten es für sie. Vier Jahrhunderte lang stritten die Denker Europas darüber, ob das Abseitsstehen klug sei, feige oder verbrecherisch, und auffallend oft führten sie die Schweiz als Beispiel an. Der Streit verlief dabei nicht zwischen Mutigen und Feiglingen, wie es später oft dargestellt wurde. Er verlief zwischen zwei Antworten auf eine einzige Vorfrage: ob ein Mensch wissen kann, wer in einem Krieg im Recht ist.

Die beiden Gründungstexte dieses Streits entstanden innerhalb von vier Jahren, und ihre Verfasser haben einander nie erwähnt. 1513 schrieb Niccolò Machiavelli, kurz zuvor aus dem Florentiner Staatsdienst gestürzt, den «Fürsten». Im einundzwanzigsten Kapitel rät er, niemals in der Mitte zu bleiben, denn der Neutrale verliere beides, die Achtung des Siegers und die Dankbarkeit des Besiegten.

«… immer die Beute des Siegers, zum Wohlgefallen und zur Befriedigung des Besiegten, und du hast keinen Vorwand, dich zu vertheidigen, und keine Hülfe, welche sich deiner annähme.»

Machiavelli, Der Fürst, Kapitel 21, in der Übersetzung von Karl Riedel, 1841

Die Ironie dieses Urteils ist gross. Derselbe Machiavelli bewunderte die Eidgenossen, er hielt sie für die Erben Roms und für das kriegstüchtigste Volk Europas. Der Mann, der die Neutralität für tödlich hielt, sah in den Schweizern das Gegenteil von Neutralen, und zu seinen Lebzeiten hatte er recht.

Zwei Jahre nach dem «Fürsten» erschien die Gegenschrift, ohne dass sie als solche gemeint war. Erasmus von Rotterdam veröffentlichte 1515 das Sprichwort «Dulce bellum inexpertis», süss ist der Krieg den Unerfahrenen, und 1517 die «Klage des Friedens», die bei Froben in Basel gedruckt wurde. Er sagt in allem das Gegenteil Machiavellis. Der Mensch sei als einziges Lebewesen ohne Waffen zur Welt gekommen, nackt und wehrlos. Und er zählt auf, was in der übrigen Natur selbstverständlich sei: Löwen kämpfen nicht gegen Löwen, der Eber richtet seine Hauer nicht gegen den Eber, zwischen Luchs und Luchs herrscht Friede, und sogar die Eintracht der Wölfe sei sprichwörtlich. Nur der Mensch führe Krieg gegen seinesgleichen. Der Blick auf die Tiere ist dabei kein Nebengedanke. Der Krieg erzeuge den Krieg, aus dem kleinsten werde der grösste; und es sei schon so weit gekommen, dass man den Krieg allgemein für eine annehmbare Sache halte.

Sein schärfster Satz steht schon in einem Brief von 1514 und stellt die ganze Lehre vom gerechten Krieg auf den Kopf.

«Kaum ist ein Friede so ungerecht, dass er nicht besser wäre als selbst der gerechteste Krieg.»

Erasmus von Rotterdam, 1514; er gibt selbst an, den Satz bei Cicero gefunden zu haben

Damit ist die Rangordnung umgekehrt. Nicht der Friede hat sich zu rechtfertigen, wenn er ungerecht ausfällt, sondern der Krieg, auch der gerechte. Und der Gedanke ist nicht die Erfindung eines weichherzigen Humanisten. Erasmus hat ihn bei Cicero gefunden, der den römischen Bürgerkrieg erlebt hatte, und damit ist er älter als jede Lehre vom gerechten Krieg, gegen die er sich richtet.

Man muss sich klarmachen, was für ein Bruch das war. Solange der Krieg als Gottesurteil galt, hatte eine Seite recht und die andere unrecht, und wer sich heraushielt, half dem Unrecht. Als aber in den Glaubenskriegen beide Seiten Gott für sich beanspruchten, mit gleicher Inbrunst und gleichem Blutzoll, blieb die Frage offen, wer denn nun urteilen solle. Der Papst schied aus, seit die halbe Christenheit ihn nicht mehr anerkannte. Ein anderer Richter war nicht in Sicht, und es ist bis heute keiner gefunden worden.

Der erste Schweizer, der daraus eine Begründung machte, war ein Schwyzer Kanzleibeamter. Franz Michael Büeler schrieb 1692, die Eidgenossenschaft halte sich aus den Kriegen Ludwigs XIV. heraus, weil «noch nit bekannt, auff welcher seithen die Gerechtigkeit dess Kriegs sich halte». Das ist kein Bekenntnis zur Feigheit. Es ist ein Eingeständnis von Unwissenheit, und es ist die ehrlichste Begründung, welche die Neutralität je erhalten hat. Wer sie verwirft, schuldet eine Antwort darauf, wer an die Stelle des Richters tritt.

Der naheliegende Einwand lautet: Manches lässt sich sehr wohl wissen. Im Sommer 1940 war nicht zweifelhaft, wer der Angreifer war. Das stimmt, und dieser Essay kommt darauf zurück. Doch die Geschichte der Gewissheiten stimmt nicht zuversichtlich. In Zürich waren 1633 die Prediger sicher, dass Gott den Krieg gegen die katholischen Orte wolle; hätten sie sich durchgesetzt, wäre das Land Kriegsschauplatz geworden und vielleicht untergegangen. Rom führte seine Eroberungen als Verteidigungskriege und gilt uns bis heute als Bringer der Zivilisation. Jede Generation hat die Urteile ihrer Vorgänger revidiert, und keine hat angenommen, dass es ihren eigenen ebenso ergehen wird.

Wer die Neutralität verteidigen will, findet seine stärksten Verbündeten deshalb nicht bei denen, die sie gelobt haben, sondern bei denen, die den Frieden zur Aufgabe erklärten. 1713 entwarf der Abbé de Saint-Pierre sein Projekt für den ewigen Frieden in Europa und nahm dafür die Schweizer Kantone zum Vorbild: ein Bund, der seine Streitigkeiten vor Schiedsgerichten austrägt statt auf dem Schlachtfeld. Jean-Jacques Rousseau, selbst Genfer, bearbeitete das Projekt 1761 und schrieb über die Bündnisse der Geschichte:

«Mais nulles de ces confédérations n’approchèrent pour la sagesse de celle du Corps Germanique, de la Ligue Helvétique & des Etats Généraux.»

Rousseau, Extrait du projet de paix perpétuelle de M. l’abbé de Saint-Pierre, 1761

Keine dieser Föderationen, sagt Rousseau, komme an Weisheit der des Deutschen Reiches, der Helvetischen Liga und der Generalstaaten gleich. Die Eidgenossenschaft erscheint hier nicht als das Land, das sich heraushält, sondern als das Modell, an dem Europa lernen soll. Es ist dieselbe Idee, die zweihundert Jahre später Denis de Rougemont vertreten wird, wenn er nicht die Europäisierung der Schweiz fordert, sondern die Helvetisierung Europas.

Immanuel Kant gehört in diese Reihe, und er gehört anders hinein, als man erwartet. In «Zum ewigen Frieden» von 1795, der berühmtesten Friedensschrift der Philosophie, kommt das Wort Neutralität kein einziges Mal vor, und die Schweiz wird mit keiner Silbe erwähnt. Wer Kant als Zeugen für die Neutralität anruft, und das geschieht bis heute, legt ihm etwas in den Mund. Aber er ist auch kein Zeuge gegen sie. Kant will mehr, nicht weniger: nicht dass einer sich heraushält, sondern dass alle in einen Bund eintreten, denn das Völkerrecht soll auf einen Föderalismus freier Staaten gegründet sein. In dieser Perspektive ist der neutrale Kleinstaat kein Drückeberger. Er ist ein Bruchstück des Kommenden, und er tut für sich allein, was Kant von allen verlangt.

Ein Jahrhundert später zog eine Frau die praktische Folgerung. Bertha von Suttner veröffentlichte 1889 den Roman «Die Waffen nieder!», überredete Alfred Nobel dazu, einen Friedenspreis zu stiften, und war 1905 die erste Frau, der er zugesprochen wurde. Sie starb im Juni 1914, wenige Wochen vor dem Krieg, den sie vorausgesagt hatte.

Das Recht der Neutralität schuf wieder ein Schweizer. Emer de Vattel aus Neuenburg veröffentlichte 1758 sein «Droit des gens» und widmete der Neutralität ein eigenes Kapitel von dreiunddreissig Paragrafen. Er definiert den Neutralen als den, der «gemeinsamer Freund beider Parteien bleibt», verpflichtet ihn zu unparteiischen Diensten der Menschlichkeit, und dann kommt der Satz, den die Schweiz seither zitiert.

«In allen Kriegen, die Europa erschüttern, halten die Schweizer ihr Gebiet in der Neutralität: Sie erlauben jedermann ohne Unterschied, dort Lebensmittel zu kaufen, sofern das Land welche übrig hat, dazu Pferde, Munition und Waffen.»

Vattel, Le droit des gens, Buch III, Kapitel VII, Paragraf 118, Erstausgabe 1758, eigene Übersetzung

Gewöhnlich wird nur die erste Hälfte zitiert, und meist mit dem Zusatz, die Schweiz wahre eine «strenge» Neutralität. Das Wort steht nicht im Original. Vattel lobt hier keine Enthaltsamkeit, er beschreibt ein Geschäft: Der neutrale Boden verkauft an alle, auch Waffen. Noch deutlicher wird er wenige Seiten früher, wo er fragt, wie oft die Schweizer Frankreich Truppen bewilligt und sie gleichzeitig Österreich verweigert hätten, obwohl beide ihre Verbündeten waren.

«Sie gewährten oder verweigerten sie, je nachdem, wie sie es für sich selbst als zweckmässig beurteilten. Nie hat jemand gewagt, sie deswegen anzugreifen.»

Vattel, Le droit des gens, Buch III, bei Paragraf 98, eigene Übersetzung

Der Völkerrechtler, auf den sich die Schweiz bis heute beruft, stellt ihr also kein Zeugnis der Reinheit aus. An einer dritten Stelle liefert er dann doch das Argument, das sie zwei Jahrhunderte lang gebrauchen wird: Ein Volk, dessen Ruf der Wehrhaftigkeit feststehe, werde selten angegriffen, sofern es niemanden herausfordere. Seit mehr als zweihundert Jahren, schreibt Vattel 1758, genössen die Schweizer einen tiefen Frieden, während um sie her der Waffenlärm töne. Die bewaffnete Neutralität hat damit ihren klassischen Satz, und er stammt von einem Schweizer.

Den Massstab aber, an dem sich all das messen lassen muss, hat ein Mann geliefert, der das Wort Neutralität nie gebrauchte. Baruch de Spinoza fragt in seinem politischen Traktat nicht, wie man den Krieg vermeidet, sondern was Friede überhaupt ist.

«Von einem Gemeinwesen, dessen Untertanen aus Furcht die Waffen nicht ergreifen, muss man eher sagen, es sei ohne Krieg, als es habe Frieden. Denn der Friede ist nicht die Abwesenheit des Krieges, sondern eine Tugend, die aus der Stärke der Seele entspringt.»

Spinoza, Tractatus politicus, Kapitel V, Paragraf 4, 1677, eigene Übersetzung

Unmittelbar danach folgt der Satz, der wehtut: Jenes Gemeinwesen, dessen Friede von der Trägheit seiner Untertanen abhänge, die wie Vieh geführt würden und nur zu dienen lernten, nenne man richtiger eine Einöde als ein Gemeinwesen. Spinoza war Niederländer und meinte die Schweiz nicht. Aber seine Frage lässt sich der Tagsatzung von 1647 nicht ersparen. Sie wollte Ruhe und Sicherheit. War das Friede in Spinozas Sinn, eine Tugend aus Seelenstärke? Oder war es die blosse Abwesenheit des Krieges, bezahlt mit dem Blut der eigenen Söhne in fremden Heeren?

Den bösesten Satz über die Neutralität hat schliesslich Goethe gesagt, der dreimal in der Schweiz war und dem Land den Tell-Stoff verdankte. Er fiel im September 1809 im Gespräch mit seinem Sekretär Riemer.

«Die mittleren, d. h. die indifferenten Zustände sind für einen Gott oder für ein Thier. Die Extreme Hass und Liebe, Sieg oder Tod, Herrschaft oder Unterwerfung sind nur für Menschen. Solon wollte durchaus keine Neutralität oder Unparteilichkeit […], denn sie ist nur eine versteckte Oberherrschaft.»

Goethe im Gespräch mit Friedrich Wilhelm Riemer, September 1809

Man kann den Satz gegen die Schweiz wenden, und das ist oft geschehen. Man kann ihn aber auch umdrehen. Wer von einem anderen verlangt, endlich Partei zu ergreifen, beansprucht damit die Herrschaft über dessen Urteil. Goethes Verdacht trifft beide Seiten.

Die Bilanz dieser vier Jahrhunderte ist zwiespältig, und sie soll es bleiben. Machiavelli verachtete die Neutralität, Goethe hielt sie für versteckte Herrschsucht, Spinoza hätte sie nur gelten lassen, wenn sie aus Stärke käme und nicht aus Furcht. Erasmus, Saint-Pierre, Rousseau, Kant und Suttner dagegen haben den Frieden zur Aufgabe erklärt, und mehrere von ihnen nahmen ausgerechnet die Eidgenossenschaft zum Beispiel. Entscheiden lässt sich der Streit nicht, solange die Vorfrage offen ist. Wer sicher zu wissen glaubt, welche Seite die richtige ist, hält die Neutralität für Verrat. Wer daran zweifelt, hält sie für Vernunft.

IV. Die Stimmen aus der Schweiz

Die berühmtesten Verteidigungen des neutralen Standpunkts stammen alle aus demselben Kriegsherbst, und alle sind in der Schweiz entstanden. Am 15. September 1914 schrieb Romain Rolland in Genf den Aufsatz «Au-dessus de la mêlée», über dem Getümmel, der eine Woche später im «Journal de Genève» erschien. Rolland verlangte von Frankreich und Deutschland, im Kampf die Wahrheit und die Menschlichkeit zu achten; in seiner Heimat galt er fortan als Verräter, und ihm wurde der Literaturnobelpreis für das Jahr 1915 zugesprochen.

Sieben Wochen darauf, am 3. November 1914, veröffentlichte Hermann Hesse in der Neuen Zürcher Zeitung den Aufsatz «O Freunde, nicht diese Töne» und bat die deutschen Geistigen, die nationalistische Tonlage zu verlassen. Hesse lebte seit 1912 in Bern. Die deutsche Presse fiel über ihn her, es kamen Hassbriefe, alte Freunde wandten sich ab, und in Deutschland war er über Nacht unerwünscht. In denselben Jahren arbeitete er in Bern für die deutsche Kriegsgefangenenfürsorge und für das Schweizer Hilfswerk Pro Captivis. Er schrieb gegen den Krieg und arbeitete für dessen Opfer, beides vom neutralen Boden aus.

Drei Monate nach Rolland sprach in Zürich ein Schweizer, dem es ähnlich ergehen sollte.

Am 14. Dezember 1914 trat im Zunfthaus zur Zimmerleuten in Zürich ein neunundsechzigjähriger Dichter vor die Neue Helvetische Gesellschaft. Der Krieg dauerte vier Monate, und das Land drohte daran zu zerbrechen: Die Deutschschweizer hielten zu Deutschland, die Welschen zu Frankreich, und beide warfen einander Verrat vor. Carl Spitteler hielt an diesem Abend die Rede, die «Unser Schweizer Standpunkt» heisst, und er tat darin etwas, das vor ihm niemand versucht hatte. Er machte aus der Neutralität eine Zumutung an die eigenen Landsleute.

«Alle, die jenseits der Landesgrenze wohnen, sind unsere Nachbarn, und bis auf weiteres liebe Nachbarn; alle, die diesseits wohnen, sind mehr als Nachbarn, nämlich unsere Brüder. Der Unterschied zwischen Nachbar und Bruder aber ist ein ungeheurer.»

Carl Spitteler, Unser Schweizer Standpunkt, 14. Dezember 1914

Das ist die Wende. Was die Tagsatzung aus Not getan hatte, erklärt Spitteler zur Pflicht: Die Grenze verläuft nicht zwischen den Sprachen, sondern um das Land herum. Neutralität ist bei ihm kein aussenpolitisches Werkzeug mehr, sondern die Bedingung dafür, dass es die Schweiz überhaupt weiter gibt. Es ist derselbe Gedanke, der 1610 in der Absage an die evangelische Union steckte, nur dass ihn jetzt zum ersten Mal jemand ausspricht.

Bemerkenswerter noch ist, was Spitteler nicht tut. Er verlangt neutrales Verhalten, aber kein neutrales Urteil. Über den deutschen Einmarsch in Belgien und die nachträglichen Rechtfertigungen sagt er vor seinem Zürcher Publikum:

«Dass Belgien Unrecht widerfahren ist, hat der Täter ursprünglich freimütig zugestanden. Nachträglich, um weisser auszusehen, schwärzte Kain den Abel. […] Das Opfer erwürgen war reichlich genug. Es noch verlästern ist zuviel.»

ebenda

Ein Neutraler nennt die eine Seite Kain. Die deutsche Presse tobte, seine Bücher wurden dort boykottiert, und es fehlte wenig, und der Nobelpreis wäre ihm entgangen; er kam 1919. Seither steht jene Unterscheidung im Raum, um die bis heute gestritten wird: Das Land darf sich heraushalten, der Bürger muss es nicht. Bundesrat Motta wird sie 1937 zur Doktrin machen, Karl Barth wird 1941 sagen, Neutralität dürfe niemals Gesinnungsneutralität sein, und die Behörden werden seine Broschüre verbieten lassen, als sie bereits in Umlauf war.

Ein Bild aus Spittelers Rede ist geblieben und verfolgt das Land bis heute. Er beschreibt Europa als Bühne und die Schweiz als Publikum.

«Eine Ausnahmegunst des Schicksals hat uns gestattet bei dem fürchterlichen Trauerspiel, das sich gegenwärtig in Europa abwickelt, im Zuschauerraum zu sitzen. Auf der Szene herrscht die Trauer, hinter der Szene der Mord.»

ebenda

Spitteler meinte das demütig, er schliesst mit der Bitte, den Hut abzunehmen. Aber er hatte der Kritik ihr Wort geschenkt. Wer sitzt, kämpft nicht. Die Bergier-Kommission wird die Schweiz Jahrzehnte später in der Rolle des Zuschauers finden und feststellen, dass Zuschauen und Mitwirken nicht immer zu trennen sind. Und der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk wird 2026 sagen, die Eidgenossen seien die Ersten gewesen, die gegenüber den Massakern ihrer Nachbarn das Zuschauerprivileg beansprucht hätten.

Die schärfste Beobachtung der Zwischenkriegszeit stammt von einem Deutschen, der in der Schweiz Zuflucht gefunden hatte. Thomas Mann antwortete im Februar 1936 in der Neuen Zürcher Zeitung dem Feuilletonchef Eduard Korrodi, und es wurde sein erster öffentlicher Bruch mit dem Regime.

«Eine wie schwere Kunst aber bleibt die Neutralität selbst bei so langer historischer Übung, wie ihr Schweizer darin besitzt! Wie leicht verfällt der Neutrale bei der Abwehr einer Ungerechtigkeit in eine andere!»

Thomas Mann an Eduard Korrodi, Neue Zürcher Zeitung, 3. Februar 1936

Das ist präziser als alles, was die Philosophen zustande gebracht hatten. Neutralität ist kein Zustand, den man hat, sondern eine Fertigkeit, die täglich misslingen kann. Mann wusste, wovon er sprach: Er war damals selbst der Gast ohne Papiere, von dem das Gastland Zurückhaltung erwartete.

Nach 1945 wird der Ton schärfer, und zwar von innen. Max Frisch schreibt im April 1968 in der «Weltwoche» über den Krieg in Vietnam, die Schweiz habe als Staat damit nichts zu tun, sei aber in das Herrschaftssystem eingebaut, das damit zu tun habe: «Ihre Neutralität (heute) ist das korrekte Schweigen eines Vasallen.» Friedrich Dürrenmatt zieht die Summe in seiner letzten Rede, gehalten im November 1990 auf Václav Havel.

«Weil alles ausserhalb des Gefängnisses übereinander herfiel und weil sie nur im Gefängnis sicher sind, nicht überfallen zu werden, fühlen sich die Schweizer frei, freier als alle andern Menschen, frei als Gefangene im Gefängnis ihrer Neutralität. […] Der Schweizer hat damit den dialektischen Vorteil, dass er gleichzeitig frei, Gefangener und Wärter ist.»

Friedrich Dürrenmatt, Die Schweiz – ein Gefängnis, Rede auf Václav Havel, 22. November 1990

Lukas Bärfuss hat die Reihe 2022 fortgesetzt und dem Vorwurf seine knappste Form gegeben: Wer neutral sei, brauche über gewisse Probleme nicht einmal nachzudenken. Von Frisch über Dürrenmatt zu Bärfuss ist es dieselbe Anklage in drei Stufen: erst das Schweigen, dann das Gefängnis, zuletzt das Recht auf Nichtwissen. Keiner von ihnen hat allerdings gefordert, die Schweiz solle Kriege führen. Sie griffen an, was die Neutralität aus dem Land gemacht hatte, nicht, dass es niemanden erschoss. Theodor W. Adorno, der seine letzten Sommer im Engadin verbrachte und 1969 im Wallis starb, hat über das Land übrigens kein Wort hinterlassen, weder ein gutes noch ein schlechtes.

Die Gegenstimme kommt von einem Basler. Jacob Burckhardt, der die Macht für böse an sich hielt, hat dem Kleinstaat eine Rechtfertigung gegeben, die ohne jedes Pathos auskommt.

«Der Kleinstaat ist vorhanden, damit ein Fleck auf der Welt sei, wo die grösstmögliche Quote der Staatsangehörigen Bürger im vollen Sinne sind.»

Jacob Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen, Basler Vorlesungen, gedruckt 1905

Das Wort Neutralität kommt bei ihm nicht vor. Aber wer erklären will, wozu ein Land gut ist, das keine Macht ausübt, findet hier den Satz dafür.

V. Das Asyl

Das Argument dieses Essays läuft auf Menschen hinaus, die niemand kennt, weil ihnen nichts zugestossen ist. Es gibt aber eine kleine Zahl, deren Namen jeder kennt, und an ihnen wird sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt. Ein Land, das sich aus den Kriegen der anderen heraushält, besitzt etwas, was ein kriegführendes Land nicht besitzen kann: einen Ort, an dem die Verfolgten aller Seiten ankommen dürfen.

Das ist älter als die Weltkriege. An die 1833 gegründete Universität Zürich zog der steckbrieflich gesuchte Georg Büchner, der in seiner hessischen Heimat «Friede den Hütten! Krieg den Palästen!» gefordert hatte. Nach dem Scheitern der Revolutionen von 1848 kamen Tausende, unter ihnen Richard Wagner, Gottfried Semper, Theodor Mommsen, Giuseppe Garibaldi und Giuseppe Mazzini. Sie fanden nicht nur Asyl, schreibt der Historiker Volker Reinhardt, sondern «Mäzene oder an der Zürcher Universität günstige Arbeitsbedingungen», sehr zum Missfallen der monarchischen Mächte. Semper errichtete daraufhin den Musterbau des eidgenössischen Polytechnikums. Wagner komponierte an der Limmat, als Gast der Zürcher Familie Wesendonck, Kernstücke seines «Rings des Nibelungen».

Man halte sich das einen Augenblick vor Augen. Ein erheblicher Teil des «Rings» ist die Arbeit eines Mannes, der in seiner Heimat gesucht wurde, und er existiert, weil ein Land ihn nicht auslieferte.

Im Ersten Weltkrieg wiederholte sich das im Kleinen. 1918, als an der Westfront noch gestorben wurde, brachten ein russischer Komponist, ein Westschweizer Dichter und ein Schweizer Dirigent in Lausanne ein Stück heraus, das von einem Soldaten handelt, der von der Front nach Hause zieht und dem Teufel seine Geige überlässt. Igor Strawinsky, Charles Ferdinand Ramuz und Ernest Ansermet konnten die «Histoire du soldat» dort herausbringen, weil in diesem Land der Soldat nicht Held sein musste. Anderswo war die Rolle vergeben.

Zwei Jahre zuvor, im Februar 1916, hatten Hugo Ball und Emmy Hennings zusammen mit Hans Arp, Tristan Tzara und Marcel Janco an der Zürcher Spiegelgasse 1 das Cabaret Voltaire eröffnet; es bestand bis in den Juli. Ball war ein deutscher Pazifist, der in die Schweiz gekommen war. Zum engeren Kreis gehörten Richard Huelsenbeck, Sophie Taeuber und Hans Richter. Die Dadaisten verstanden den Weltkrieg als Bankrotterklärung einer bürgerlichen Gesellschaft, die in Politik, Kirche und Kultur log, und sie nutzten die schmale Freiheit des Exils, um dieser Welt etwas entgegenzusetzen. Dass die Bewegung, die der Vernunft der Kriegführenden am gründlichsten misstraute, in dem einzigen Land entstand, das nicht mitmachte, ist kein Zufall.

Ein Name verbindet die beiden Kriege. James Joyce lebte von 1915 bis 1919 in Zürich, leitete dort die englische Theatergruppe English Players und arbeitete am «Ulysses»; danach ging er nach Triest und 1920 nach Paris. Als die Wehrmacht im Juni 1940 in Frankreich stand, wollte er zurück. Er kam auch zurück, aber nicht aus eigener Kraft: Es brauchte die Fürsprache von Gelehrten, Künstlern und Politikern, unter ihnen der Germanist Robert Faesi und der Zürcher Stadtpräsident Emil Klöti. Am 13. Januar 1941 starb Joyce in Zürich; er liegt auf dem Friedhof Fluntern. Das Land hat ihm zweimal die Tür geöffnet, das zweite Mal erst, als andere sie aufhielten.

Zwischen 1933 und 1945 wurde aus dem Vorgang ein Verzeichnis. Georg Kreis zählt auf, wer in der Schweiz für kürzere oder längere Zeit unterkam: aus Literatur und Wissenschaft Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Luigi Einaudi, Ignazio Silone, Arthur Koestler, Wolfgang Langhoff, Thomas Mann, Robert Musil, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky und Carl Zuckmayer; aus der bildenden Kunst Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee und Oskar Kokoschka; aus der Musik Béla Bartók, Paul Hindemith und Bruno Walter. Hinter mehreren dieser Namen stehen Bücher, die man auch dort kennt, wo man den Verfasser vergessen hat. Erich Maria Remarque hatte «Im Westen nichts Neues» geschrieben, das bekannteste Buch gegen den Krieg, das aus dem Ersten hervorgegangen ist. Robert Musil, 1938 nach dem Anschluss mit seiner jüdischen Frau geflohen, arbeitete in Zürich und Genf weiter am «Mann ohne Eigenschaften»; er starb 1942 in Genf, von den Zuwendungen einzelner Helfer lebend, und seine Witwe verstreute die Asche am Fuss des Salève.

Über mehrere Jahre hinweg, schreibt Kreis, gab es ausser in der Schweiz keine deutschsprachige Bühne, die nicht der nationalsozialistischen Repression unterworfen war. Stücke von Brecht und Werke von Hindemith, Bartók, Schönberg, Alban Berg und Mendelssohn wurden hier entweder zum ersten Mal oder, was ebenso wichtig war, weiterhin aufgeführt. Das Zürcher Schauspielhaus erlebte in diesen Jahren die bedeutendste Zeit seiner Geschichte, und es verdankte sie Schauspielerinnen und Schauspielern wie Therese Giehse und Wolfgang Langhoff, die im Schweizer Exil lebten. Ein einziges Haus in einem einzigen unbeteiligten Land hielt eine ganze Theaterliteratur am Leben.

In den Verlagen geschah dasselbe. Emil Oprecht in Zürich stellte verfemten Autoren sein Haus zur Verfügung; bei ihm erschien «Krieg in Norwegen» von Willy Brandt, dem späteren deutschen Bundeskanzler. Wolfgang Langhoffs Bericht aus einem deutschen Konzentrationslager, «Die Moorsoldaten», kam bereits 1935 in der Schweiz heraus. Walter Benjamins «Deutsche Menschen» erschien in Luzern unter einem Decknamen. Und weil das Dritte Reich für Hermann Hesse kein Papier mehr bewilligte, mussten seine Bücher von 1942 an in Zürich gedruckt werden; vier Jahre später erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Zwei aus jenem Kreis kamen sechsundzwanzig Jahre später wieder, und diesmal ging es nicht um Kunst. Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp flohen 1940 vor der deutschen Besetzung aus der Gegend von Paris nach Grasse an die Côte d'Azur und gelangten 1942 in die Schweiz. Am 14. Januar 1943 starb Sophie Taeuber-Arp in Zürich an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Sie hatte die Grenze erreicht und lebte danach noch wenige Wochen, zwei Jahre und einen Tag nach Joyce und wie er in Zürich. Später war ihr Bildnis auf der Schweizer Fünfzigfrankennote zu sehen.

Ein Zufluchtsort rettet nicht jeden, den er aufnimmt. Er nimmt ihn auf, und mehr kann kein Land versprechen.

Ein Name aus dieser Aufzählung verdient es, herausgehoben zu werden. Luigi Einaudi, Ökonom und unbeugsamer Gegner des Faschismus, floh nach dem italienischen Waffenstillstand vom 8. September 1943 in die Schweiz und lehrte in Genf. Fünf Jahre später war er der erste Präsident der italienischen Republik. Hätte ihn die Grenze nicht durchgelassen, wäre die junge italienische Demokratie ohne ihren ersten Präsidenten angetreten.

Das lässt sich zusammenzählen. Ohne dieses eine Land fehlten der europäischen Kultur eine Reihe von Büchern, eine Reihe von Uraufführungen und eine Reihe von Menschen, die nach 1945 gebraucht wurden, um wieder etwas aufzubauen. Neutralität rettet nicht nur Leben, sie rettet Werke, und sie rettet Biografien, die später anderen zugutekommen. Das ist kein moralischer Bonus, den man sich gutschreiben dürfte. Es ist eine Funktion: Wer nicht Partei ist, kann Zuflucht für Verfolgte aller Seiten sein. Wer Partei ist, kann es nur für die einen.

Und es hörte 1945 nicht auf. Am 18. September 1952 widerriefen die amerikanischen Behörden Charlie Chaplins Wiedereinreisegenehmigung. Er verliess die Vereinigten Staaten zu Beginn der McCarthy-Prozesse und liess sich 1953 mit seiner Familie im Manoir de Ban oberhalb von Corsier-sur-Vevey nieder, wo er am 25. Dezember 1977 starb. Der Zufluchtsort bewährte sich also auch gegenüber einer Demokratie, und das ist der unbequemere Teil des Befunds. Ein Land, das zu niemandem gehört, wird nicht nur gegen Diktaturen gebraucht.

Dieselbe Tür hat dieses Land freilich auch zugehalten, und nicht nur bei Namenlosen. Wolfgang Pauli lehrte seit 1928 theoretische Physik an der ETH Zürich. Durch den Anschluss Österreichs war er deutscher Staatsbürger geworden und damit gefährdet. 1938 stellte er in Zürich ein Gesuch um Einbürgerung, 1940 ein zweites; beide wurden abgelehnt. Daraufhin liess er sich von der ETH beurlauben und nahm eine Gastprofessur in Princeton an. Den Nobelpreis für Physik erhielt er 1945, die amerikanische Staatsbürgerschaft 1946, und im Frühjahr desselben Jahres kehrte er an die ETH zurück. Schweizer Bürger wurde er 1949.

Die Rettungen, die berühmt wurden, geschahen ohnehin meist gegen die Verwaltung und nicht durch sie. Paul Grüninger, Polizeihauptmann in St. Gallen, fälschte 1938 Protokolle und liess Hunderte von Juden über die Grenze; er verlor seine Stelle und wurde wegen Urkundenfälschung verurteilt. Carl Lutz, Vizekonsul in Budapest, rettete 1944 zusammen mit dem Vertreter des Roten Kreuzes Friedrich Born und mit Diplomaten aus vier weiteren Ländern über sechzigtausend Menschen vor den Pfeilkreuzlern; 1949 hielt man ihm vor, er habe dafür unkorrekterweise Schweizer Kollektivpässe verwendet. Louis Haefliger, Freiwilliger des Roten Kreuzes, holte bei Kriegsende amerikanische Truppen zum Konzentrationslager Mauthausen und verlor wegen dieser «Eigenmächtigkeit» seine Stelle. Anerkennung fanden alle drei zuerst im Ausland und erst spät zu Hause.

Hier verläuft die Grenze zwischen Neutralität und Feigheit, und sie verläuft nicht dort, wo man sie gewöhnlich sucht. Die drei haben die Neutralität nicht verletzt. Sie haben eine Verwaltung verletzt, die ihre eigene Ängstlichkeit für Völkerrecht hielt.

Und dann ist da der unangenehmste Gast. Lenin verbrachte die Kriegsjahre im Schweizer Exil und wohnte in dieser Zeit an der Spiegelgasse 14, wenige Meter von dem Lokal entfernt, in dem Ball und Arp Dada erfanden; 1915 versammelten sich im bernischen Zimmerwald sozialistische Kriegsgegner aus zwölf Ländern, er und Trotzki darunter. Im April 1917 liess ihn der Bundesrat im plombierten Eisenbahnwagen von Zürich Richtung Russland ausreisen. Was daraus wurde, steht in den Geschichtsbüchern, und schon um 1920 hiess es in der Schweiz, man habe durch Gäste wie ihn der Revolution den Weg bereitet.

In einer einzigen engen Gasse des neutralen Zürich wurde also eine Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts begonnen und seine folgenreichste Revolution vorbereitet. Wer das Asyl lobt, lobt beides. Es gibt keinen Hauswart, der vorher weiss, wer in die Nummer 1 einzieht und wer in die Nummer 14.

Wer die Liste der Geretteten vorzeigt, muss diesen Namen mitnennen. Er ist kein Einwand gegen sie, er ist ihre Bedingung. Ein Asyl, das nur aufnimmt, wen es billigt, ist kein Asyl, sondern eine Auswahl, und über die Auswahl entschiede wieder, wer sich gerade für die richtige Seite hält. Genau das kann niemand, und genau davon handelt dieser Essay. Eine Tür, die nach Gesinnung oder Herkunft sortiert, hätte irgendwann auch Thomas Mann sortiert. Bei Namenlosen hat sie es 1942 getan.

Wer diese Namen nennt, hat die Rechnung damit noch nicht gemacht. Sie hat eine zweite Seite, und gegen die hilft keine Liste.

VI. Der liebe Friede

Am 10. Dezember 1986 nahm in Oslo ein Überlebender von Auschwitz den Friedensnobelpreis entgegen und sagte drei Sätze, die seither über jeder Neutralitätsdebatte stehen.

«We must take sides. Neutrality helps the oppressor, never the victim. Silence encourages the tormentor, never the tormented.»

Elie Wiesel, Nobelvorlesung, Oslo, 10. Dezember 1986

Wir müssen Partei ergreifen; die Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Der amerikanische Philosoph Michael Walzer hat das 2023 auf den Ukrainekrieg angewandt und die Neutralität von 1936 gegenüber Spanien ein moralisches Verbrechen genannt. Das ist der stärkste Einwand, den es gibt, und er verdient eine ernsthafte Antwort, keine bequeme.

Die ernsthafte Antwort muss bei Wiesel selbst beginnen, denn er wusste, wovon er sprach. Und sie muss einräumen, was der Einwand voraussetzt: dass derjenige, der die Parteinahme verlangt, weiss, welche Seite die richtige ist.

Ausgerechnet bei Auschwitz ist das verwickelter, als es im Rückblick aussieht. Das ganze Ausmass der Vernichtung erfuhr die Welt erst nach dem Krieg; wer 1942 Partei ergriff, tat es nicht deswegen. Das entlastet niemanden, im Gegenteil. Die Bergier-Kommission hat für die Schweiz festgestellt, die massgeblichen Stellen seien «früh über den Holocaust informiert» gewesen, und sie hat den Kern des Versagens in einem «tiefen Gegensatz zwischen Wissen und Handeln» gefunden. Man wusste genug. Man handelte nicht danach.

Und hier liegt die Unterscheidung, an der dieser Essay nicht vorbeikommt. Die geschlossene Grenze war keine Pflicht des Neutralen. Das Neutralitätsrecht räumt dem Neutralen ausdrücklich das Recht ein, Flüchtlingen Asyl zu gewähren, und die Schweiz selbst hatte 1889 gegenüber Bismarck darauf bestanden, dass das Asylrecht mit der Neutralität nichts zu tun habe. Das Edikt vom 13. August 1942, wonach «Flüchtlinge nur aus Rassegründen, z. B. Juden» nicht als politische Flüchtlinge gälten, stand in keinem Völkerrechtsbuch. Es war eine Entscheidung, keine Verpflichtung. Georg Kreis hat für andere Bereiche gezeigt, wie oft blosse Rücksichtnahme auf mächtige Nachbarn «in die höhere Form der völkerrechtlichen Verpflichtung eines Neutralen gekleidet» wurde. Hier geschah dasselbe, und es kostete Menschenleben.

Damit ist Auschwitz kein Argument gegen die Neutralität selbst. Es ist das schwerste Argument gegen ihren Missbrauch als Ausrede. Wer verhindern will, dass sich so etwas je wiederholt, braucht keinen Staat, der mitschiesst, sondern einen, der sein Urteil frei behält und danach handelt: die Grenze offen, den Täter benannt, die Hilfe geleistet. Es ist genau der Unterschied, den Spitteler 1914 vorgemacht und den Karl Barth 1941 eingefordert hat, und die Schweiz hat ihn damals nicht durchgehalten.

Was die Kriege selbst betrifft, bleibt die Liste derer, deren Gerechtigkeit den Zeitgenossen feststand und den Nachgeborenen fragwürdig wurde, lang, und sie wird länger. Seit den Glaubenskriegen ist der unparteiische Richter nicht gefunden worden, den es dafür bräuchte. Wer das Ende der Neutralität fordert, muss ihn zuerst benennen. Doch derselbe Zweifel gilt umgekehrt: Auch wer neutral bleibt, weiss nicht, ob sein Abseitsstehen weniger Schaden anrichtet als Parteinahme. Neutralität enthebt deshalb nicht der Pflicht, die Folgen des eigenen Nicht-Eingreifens zu prüfen.

Die Schweiz hat auf diesen Widerspruch zwei Antworten gefunden, und beide stammen von Leuten, die es wissen mussten. Paul Seger, von 2003 bis 2010 Direktor der Völkerrechtsdirektion des Aussendepartements, hat sie auf eine Formel gebracht, die den Widerspruch aushält: «Unparteiisch im Krieg, parteiisch für den Frieden.» Marco Jorio, der Historiker der Neutralität, verlangt am Ende seiner vierhundertjährigen Geschichte, das Recht müsse nachgeführt werden: Der Neutrale dürfe den Aggressor nicht mehr gleich behandeln wie das Opfer. Beides ist nichts anderes als das, was Spitteler 1914 vorgemacht hat, als er Kain beim Namen nannte und trotzdem im Zuschauerraum blieb. Die Neutralität des Handelns und die Neutralität des Urteils sind zweierlei, und nur die erste hat je jemand von der Schweiz verlangen können.

Am 27. September 2026 stimmt das Land über eine Volksinitiative ab, die einen neuen Artikel 54a in die Bundesverfassung schreiben will: Die Schweiz sei neutral, ihre Neutralität immerwährend und bewaffnet, und sie treffe keine nichtmilitärischen Zwangsmassnahmen gegen kriegführende Staaten. Damit stünde die Neutralität zum ersten Mal seit 1848 nicht mehr in den Aufgabenartikeln, sondern unter den Zwecken des Staates. Sie wäre nicht mehr Mittel, sondern Ziel. Genau das hat die Tagsatzung 1848 schon einmal abgelehnt, weil sie sich den Ausweg offenhalten wollte. Es ist dieselbe Frage, nach hundertachtundsiebzig Jahren, und sie wird wieder von denen gestellt, die sicher sind.

Bleibt die Rechnung. Was 1647 in Wil begann, war nicht Friede im Sinne Spinozas. Die Eidgenossen wollten ihre Ruhe, sie sparten sich das Heer, und sie liessen ihre ärmsten Söhne für fremde Könige sterben. Dabei ist es nicht geblieben. Aus dem Land, das sich heraushielt, kamen das Rote Kreuz und die Genfer Konvention von 1864, also das erste Recht, das den Krieg für alle Seiten begrenzt. Im Zweiten Weltkrieg vertrat die Schweiz die Interessen von dreiundvierzig Staaten, betreute Kriegsgefangene aller Armeen, und fast dreihunderttausend Menschen fanden hier Schutz. Rund vierundzwanzigtausend wurden an der Grenze abgewiesen, viele davon in den Tod. Beides gehört zur selben Bilanz, und wer nur eine Hälfte nennt, lügt.

Damit ist auch die Frage aus dem zweiten Teil beantwortet, ob eine Tugend weniger wert sei, weil sie aus der Not geboren wurde. Tugenden entstehen fast immer aus der Not. Entscheidend ist, was ein Gemeinwesen aus ihr macht, wenn die Not vorüber ist. Zweihundertelf Jahre ohne Krieg gegen einen anderen Staat sind kein Zufall und kein Verdienst allein. Sie sind ein Ergebnis, und es gibt in Europa kein zweites dieser Art.

Ein Wert an sich ist die Neutralität deshalb nicht; darin haben ihre Kritiker recht, der Bundesrat sagt es selbst, und die Tagsatzung sagte es schon 1848. Aber sie ist auch nicht der Verrat, für den man sie hält. Sie ist der eingerichtete Zweifel daran, dass irgendjemand befugt sei, über Recht und Unrecht anderer mit Waffen zu entscheiden. Dieser Zweifel ersetzt das eigene Urteil nicht, Spitteler hat vorgeführt, wie beides zusammengeht. Aber er ist ein Beitrag zum Frieden, den nur leisten kann, wer nicht mitmacht, und es müssen ihn nicht alle leisten, damit er etwas wert ist.

Bald vierhundert Jahre nach jenem Winter in Wil ist aus dem Stillsitzen eine Gesellschaft geworden, die ohne Krieg auskommt und sich nicht mehr vorstellen kann, einen zu führen. Ein Musterbeispiel ist das noch nicht, solange es nur für sie selber gilt. Es wäre eines, sobald andere es nachmachen.

VII. Die immer gleiche Antwort

Es lohnt sich, die Frage am Ende grösser zu stellen. Wie lange übt die Menschheit das eigentlich schon?

Den ältesten Krieg, den wir beim Namen nennen können, führten die sumerischen Städte Lagasch und Umma um einen Streifen Ackerland. Die Geierstele, die den Sieg feiert und heute im Louvre steht, entstand um 2475 vor unserer Zeitrechnung; sie gilt als das älteste bekannte Kriegsdenkmal der Welt. Das sind viereinhalbtausend Jahre. Der Befund der Archäologie reicht weiter zurück. In Talheim bei Heilbronn liegen vierunddreissig erschlagene Menschen aus der Zeit um 5000 vor unserer Zeitrechnung, sechzehn davon Kinder, die meisten mit dem Beil getötet. Und am Nil, in Jebel Sahaba, wurde ein Friedhof mit einundsechzig Toten untersucht; die Neuuntersuchung von 2021 ergab, dass ihre Verletzungen nicht von einer einzigen Schlacht stammen, sondern von wiederholten Überfällen über lange Zeit. Er ist dreizehntausendvierhundert Jahre alt.

Der Krieg ist damit älter als der Staat, älter als die Stadt und älter als die Schrift. Alles, was wir Zivilisation nennen, ist auf ihn draufgesetzt worden und nicht an seine Stelle getreten.

Wer viereinhalbtausend Jahre überblickt, findet keinen einzigen Krieg, der den Krieg abgeschafft hätte. Der Westfälische Friede beendete den Dreissigjährigen Krieg, und vierundzwanzig Jahre später begannen die Angriffskriege Ludwigs XIV. Der Wiener Kongress schuf eine Ordnung, die knapp vierzig Jahre hielt. Versailles beendete den Ersten Weltkrieg und lieferte dem Zweiten den Stoff. Was wir Frieden nennen, ist meistens der Abstand zwischen zwei Kriegen, und in jedem dieser Abstände haben die Beteiligten geglaubt, diesmal habe man gelernt.

Gelernt hat der Mensch nicht. Er gibt auf dieselbe Frage seit viereinhalbtausend Jahren dieselbe Antwort, und keine ihrer Formen hat den Krieg aus der Welt geschafft. Woran das liegt, hat Voltaire in seinem Artikel über den Krieg notiert, und es ist derselbe Befund, der schon die Glaubenskriege unentscheidbar machte.

«Das Wunderbare an diesem höllischen Unternehmen ist, dass jeder Anführer der Mörder seine Fahnen segnen lässt und Gott feierlich anruft, bevor er auszieht, seinen Nächsten auszurotten.»

Voltaire, Artikel «Guerre», 1771; später im Dictionnaire philosophique, eigene Übersetzung

Solange jede Seite ihren Krieg heiligt, erscheint er nicht als Rückfall, sondern als Ordnung. Und was als Ordnung gilt, wird nicht geprüft. Gewohnheit ist stärker als Wahrheit, und es gibt keine ältere Gewohnheit als diese.

Eine einzige Ausnahme gibt es, und sie ist jung. Nach 1945 versuchte Europa etwas, das vorher niemand versucht hatte: nicht den Sieg über den Feind, sondern die Verflechtung mit ihm. Robert Schuman sagte es am 9. Mai 1950 in einem Satz, der die Gründungsurkunde dessen wurde, was heute die Europäische Union ist.

«Die Solidarität der Produktion, die so geschaffen wird, wird bekunden, dass jeder Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich ist.»

Robert Schuman, Erklärung vom 9. Mai 1950

Das war kein Friedensvertrag. Das war eine andere Vorstellung davon, was Frieden ist: Man nimmt dem Krieg nicht den Gegner, sondern den Grund. Und es hat funktioniert. Westeuropa erlebt seither die längste Zeit ohne Krieg zwischen seinen Mitgliedern, von der wir wissen. Zusammen mit der Schweiz sind das zwei der grössten Friedenserfolge der europäischen Geschichte, und keiner von beiden wurde erkämpft.

Und heute? Die weltweiten Militärausgaben erreichten 2025 nach den Erhebungen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts mit rund zweitausendneunhundert Milliarden Dollar den höchsten je gemessenen Stand, im elften Jahr des Anstiegs hintereinander. Getrieben wurde er von Europa, wo sie in einem einzigen Jahr um vierzehn Prozent zunahmen; Deutschland legte um ein Viertel zu und überschritt dabei zum ersten Mal seit 1990 die Marke von zwei Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Die Nato einigte sich im Sommer 2025 in Den Haag darauf, langfristig bis zu fünf Prozent der Wirtschaftsleistung aufzuwenden. Man kann das für notwendig halten oder für verhängnisvoll. Es ist die alte Antwort: Sicherheit durch mehr militärische Stärke. In viereinhalbtausend Jahren hat sie noch nie zu einem dauerhaften Frieden geführt.

Und ausgerechnet in dieser Lage wird von der Schweiz verlangt, endlich mitzumachen.

Wie weit sich das Klima verschoben hat, lässt sich an einem einzigen Satz ablesen. Die Schriftstellerin Sibylle Berg, die in Zürich lebt und seit 2024 dem Europäischen Parlament angehört, hat ihn im Februar 2026 in der «Sternstunde Philosophie» gesagt.

«Heute hat es fast etwas Anrüchiges, wenn man sagt ‹Ich bin für Frieden›.»

Sibylle Berg, nach dem Bericht von SRF, 9. Februar 2026

Der Satz ist kein Argument. Er ist ein Befund über die Luft, in der argumentiert wird. Wer heute vom Frieden spricht, muss zuerst nachweisen, dass er kein Narr ist. Bergs eigener Vorschlag klingt dementsprechend altmodisch.

«Ich glaube, statt sich abzugrenzen und zu bewaffnen, sollten wir mit den Menschen reden.»

ebenda

In derselben Sendung nennt sie die Schweiz eine «Meisterin der Diplomatie» – und setzt das Verb in die Vergangenheit. Was dabei verloren geht, hat die französische Philosophin Corine Pelluchon in ihrer Tübinger Preisrede beschrieben, im Anschluss an Simone Weils Aufsatz über die Ilias.

«Allmählich verschwinden die eigentlichen Ziele des Krieges, und der Gedanke, dass ein Krieg ein Ende haben könnte, wird ausgelöscht.»

Corine Pelluchon, «Transdeszendenz, Ökologie, Demokratie», Lucas-Preis-Rede 2025, Tübingen 2026, S. 99

Darin liegt die eigentliche Gefahr der Aufrüstung, und sie ist keine militärische. Wer sich lange genug auf den Krieg einrichtet, verliert zuerst den Zweck aus den Augen und dann die Vorstellung, dass es je wieder anders sein könnte. Die Gewöhnung erledigt, was keine Waffe erledigt: Sie nimmt dem Frieden den Ort im Denken.

VIII. Die grössere Neutralität

Der Gedanke, der in die andere Richtung führt, liegt näher, und er ist nicht neu. Was wäre, wenn die Neutralität nicht die Schweizer Ausnahme bliebe, sondern die europäische Regel würde?

Drei Missverständnisse muss man dafür ausräumen. Neutralität heisst nicht Abrüstung; das Schweizer Modell ist bewaffnet, und Vattel wusste schon 1758, dass nicht die Erklärung schützt, sondern der Ruf, teuer zu sein. Neutralität heisst nicht Gleichgültigkeit; Spitteler hat Kain beim Namen genannt und ist trotzdem sitzen geblieben. Und Neutralität heisst nicht Alleingang; sie verträgt sich mit jeder Zusammenarbeit, die einen nicht automatisch in fremde Kriege zieht.

Dass es geht, ist keine Theorie. Es gibt den Präzedenzfall, und er ist einer der erfolgreichsten Friedensschlüsse des Kalten Kriegs. Österreich war nach 1945 von vier Mächten besetzt. Im Moskauer Memorandum wurde es 1955 auf eine dauerhafte Neutralität «nach Schweizer Muster» verpflichtet, wie Micheline Calmy-Rey es zusammenfasst; das war die Bedingung dafür, dass es im Staatsvertrag mit Zustimmung der Sowjetunion seine volle Souveränität zurückerhielt. Die Neutralitätszusage war ein entscheidender Teil des Arrangements, das die Besetzung beendete, ohne dass ein Schuss fiel. Finnland hat seine Unabhängigkeit über Jahrzehnte auf ähnliche Weise behauptet.

Die Idee, das auf Europa auszuweiten, ist dreihundert Jahre alt. Der Abbé de Saint-Pierre entwarf 1713 den europäischen Bund nach dem Muster der Eidgenossenschaft. Rousseau nannte sie 1761 eine der weisesten Föderationen der Geschichte. Kant verlangte 1795 den Föderalismus freier Staaten. Denis de Rougemont forderte 1965 nicht die Europäisierung der Schweiz, sondern die Helvetisierung Europas. Und zuletzt hat es eine ehemalige Schweizer Aussenministerin ausgesprochen: Micheline Calmy-Rey fragt in ihrem Buch, ob dieselben Gründe, die die junge Eidgenossenschaft zur Neutralität bewogen, nicht auch im Grossen dieselbe Wirkung haben könnten, und ob nicht «letztlich auch ein neutrales Europa vorstellbar» wäre.

Sibylle Berg hat denselben Gedanken 2024 in den einen Satz gefasst, der ihn unvergesslich macht. Auf die Frage nach einem Schweizer EU-Beitritt antwortete sie, sie wäre «für einen Beitritt der EU in die Schweiz». Das ist als Scherz gesagt und trifft trotzdem. Niemand erwartet, dass Europa die Kantone übernimmt. Die Frage ist, ob es das übernehmen könnte, was die Kantone seit vierhundert Jahren davon abhält, übereinander herzufallen.

Ein Europa, das sich verteidigen kann und an keinem fremden Krieg teilnimmt, wäre kein schwaches Europa. Es wäre ein Europa, dem die übrige Welt glauben könnte, wenn es vom Frieden spricht.

An dieser Stelle lohnt sich ein Umweg. Was eben noch als Einfall erschien, ist vor zweihundertdreissig Jahren schon einmal zu Ende gedacht worden, und zwar gründlicher.

Den genauen Begriff dafür hat Kant geprägt, und er unterscheidet ihn sorgfältig von allem, was die Diplomatie sonst kennt.

«So muss es einen Bund von besonderer Art geben, den man den Friedensbund (foedus pacificum) nennen kann, der vom Friedensvertrag (pactum pacis) darin unterschieden sein würde, dass dieser bloss einen Krieg, jener aber alle Kriege auf immer zu endigen suchte.»

Kant, Zum ewigen Frieden, Zweiter Definitivartikel, 1795

Ein Friedensvertrag beendet einen Krieg, ein Friedensbund soll alle beenden. Und Kant sagt auch, was diesen Bund von einem Militärbündnis unterscheidet: Er erwirbt nichts.

«Dieser Bund geht auf keinen Erwerb irgendeiner Macht des Staats, sondern lediglich auf Erhaltung und Sicherung der Freiheit eines Staats, für sich selbst und zugleich anderer verbündeten Staaten.»

ebenda

Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Bündnis, das seine Mitglieder in fremde Kriege zieht, und einem Bund, der sie heraushält.

Der Einwand liegt allerdings auf der Hand: Eine Garantie, die im Ernstfall militärisch durchgesetzt wird, kann den Garanten selbst zur Kriegspartei machen. Ein Friedensbund wäre deshalb nur dann etwas anderes als ein Militärbündnis, wenn seine Verpflichtung auf die Verteidigung des gemeinsamen Vertragsraums beschränkt bliebe und keine Gefolgschaft in Kriegen ausserhalb dieses Raums verlangte.

Und dann beschreibt Kant, wie ein solcher Bund wächst.

«Die Ausführbarkeit dieser Idee der Föderalität, die sich allmählich über alle Staaten erstrecken soll und so zum ewigen Frieden hinführt, lässt sich darstellen. […] so gibt diese einen Mittelpunkt der föderativen Vereinigung für andere Staaten ab, um sich an sie anzuschliessen […] und sich durch mehrere Verbindungen dieser Art nach und nach immer weiter auszubreiten.»

ebenda

Ein Mittelpunkt, an den sich andere anschliessen, und der sich nach und nach immer weiter ausbreitet: Das ist der Bauplan. Je mehr Länder mitmachen, desto grösser wird der Raum, in dem ein Krieg keinen Ort mehr hat, bis die Föderalität sich, in Kants Worten, allmählich über alle Staaten erstreckt. Eine Weltregierung braucht es dafür nicht; Kant lehnt sie ausdrücklich ab, weil viele Völker in einem Staat nur noch ein Volk wären. Es braucht nur genügend Staaten, die voneinander nichts mehr wollen.

Kant wusste, wie das klingt. Er schreibt selbst, die Idee sei so schwärmerisch erschienen, dass man sie «an einem Abbé von St. Pierre oder Rousseau verlacht» habe. Er hielt sie dennoch für ausführbar, und er hatte im Jahr 1795, mitten in den Koalitionskriegen, wenig Anlass zum Optimismus.

Versuche hat es gegeben. 1780, im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, schlossen sich mehrere Seefahrernationen zur «Ersten bewaffneten Neutralität» zusammen, um den neutralen Handel gemeinsam zu schützen; 1800 lebte sie ein zweites Mal auf. Schon 1675 hatte der niederländische Gesandte Valkenier eine Allianz der kleinen Republiken vorgeschlagen, die Eidgenossen lehnten ab. Heute gehören über hundert Staaten der Bewegung der Blockfreien an, und innerhalb der Europäischen Union bilden Irland, Österreich, Malta und Zypern bereits einen Kern von Mitgliedern ohne Militärbündnis. Österreichs Neutralität ist der schweizerischen ausdrücklich nachgebildet. Ein Bund der Neutralen müsste nicht bei null anfangen.

Wo immer ein Krieg geführt wird, stellt sich damit dieselbe Frage: ob nicht ein Vertrag über die Neutralität des umkämpften Landes am Ende mehr Frieden brächte als der Sieg einer der beiden Seiten. Ob das im einzelnen Fall gelingen kann, weiss der Verfasser dieses Essays nicht, und er hält es für einen Teil der Sache, das zuzugeben. Wer aus der Ferne sicher zu wissen meint, wie ein fremder Krieg zu enden habe, ist schon wieder bei jener Gewissheit angelangt, von der dieser Essay handelt.

Was sich allgemein sagen lässt, ist die Bedingung, und sie ist vierhundert Jahre alt. Eine Garantie ist so viel wert wie die Bereitschaft, sie durchzusetzen. Die Eidgenossen haben 1633 und 1638 erfahren, dass Verträge allein nichts nützen, und daraufhin ihr erstes gemeinsames Verteidigungswerk beschlossen. Eine Neutralität ohne Wehrhaftigkeit ist ein Wunsch. Eine Neutralität mit Wehrhaftigkeit und mit Garantien, deren Bruch etwas kostet, ist ein Riegel. Das ist kein bequemer Vorschlag. Er hat nur den Vorzug, dass er nicht schon viereinhalbtausend Jahre lang gescheitert ist.

Und wenn es gelänge? Dann wäre ein solcher Vertrag für ein einzelnes Land der Anfang und nicht das Ende. Jedes weitere Land, das sich anschliesst, vergrössert den Raum, in dem Krieg nicht mehr vorgesehen ist. Irgendwann wäre die Neutralität nicht mehr die Haltung einiger weniger gegenüber den Kriegen der anderen, sondern das Verhältnis aller zu allen. Das ist nichts Geringeres als eine Chance auf den Weltfrieden, und es ist ein Weg dorthin, der nicht über einen letzten, entscheidenden Krieg führt. Alle anderen Wege haben genau diesen versprochen, viereinhalbtausend Jahre lang.

IX. Der grössere Kreis

Der Friedensbund beantwortet die Frage zwischen Staaten. Die letzte Frage dieses Essays reicht weiter.

Jeder Schritt zum Frieden bestand bisher darin, den Kreis derer zu erweitern, deren Leiden man als das eigene gelten lässt. Zuerst war es die eigene Sippe, dann die eigene Konfession, dann das eigene Volk, zuletzt, in Spittelers Worten, auch der Nachbar jenseits der Grenze, dessen Jammer in allen Sprachen gleich klingt. Wer diesen Kreis einmal zu ziehen gelernt hat, wird schwer begründen können, wo er aufzuhören habe.

Corine Pelluchon hat diesen Kreis weiter gezogen als die meisten, und sie stellt dabei die Frage, die unter allen anderen liegt.

«Wie können wir uns vom Schema der Herrschaft befreien, das alles – die Beziehung zur Natur und zu anderen Menschen, die Arbeit, die Politik, die Liebe – in eine Form des Krieges verwandelt?»

Corine Pelluchon, «Die Durchquerung des Unmöglichen», München 2023, S. 23

Im selben Absatz fragt sie, wie eine Gesellschaft aussähe, in der jeder, der einen Sinn für das Gemeinwohl hat, dieses Verständnis auf Wesen ausweitet, «die weder seiner Nation noch seiner Spezies angehören». Das sind zwei Grenzen in einem Satz, und beide werden von derselben Gewohnheit bewacht. Wer begründen kann, warum das Leiden jenseits der Landesgrenze weniger zählt, kann meistens auch begründen, warum das Leiden jenseits der Art gar nicht zählt. Es ist beide Male dasselbe Argument, und es lautet: Die gehören nicht dazu.

Erasmus hatte 1515 auf die Tiere gezeigt, um den Menschen zu beschämen: Löwe kämpft nicht gegen Löwe, nur der Mensch führt Krieg gegen seinesgleichen. Pelluchon dreht die Blickrichtung um. Sie überschreibt das zweite Kapitel ihres Tierbuchs mit einem Satz, der auch über einem Essay wie diesem stehen könnte: Wir führen Krieg gegen uns selbst.

Gemeint ist, dass die Gewalt gegen die Wehrlosesten und die Gewalt zwischen den Staaten nicht zwei Themen sind, sondern zwei Anwendungen einer einzigen Übung, die darin besteht, das Gegenüber als Material zu behandeln. Pelluchon ist in diesem Punkt Kantianerin; es dürfe, schreibt sie, dem Gebot der praktischen Vernunft nach überhaupt keinen Krieg geben.

Das ist keine Erweiterung des Themas, sondern seine Wurzel. Neutralität ist die politische Form einer sehr schlichten Einsicht: dass der andere kein Material ist. Ein Land, das vierhundert Jahre lang geübt hat, seine Nachbarn nicht dafür zu halten, hätte immerhin den Anfang gemacht.

Bleibt die Frage, wer am Ende recht hat. Die Kritiker der Neutralität haben im Einzelfall oft die besseren Argumente, und sie haben Auschwitz auf ihrer Seite; wer ihnen widerspricht, muss das aushalten und darf es sich nicht leicht machen. Aber die Frage lautet nicht, wer besser argumentiert. Sie lautet, was am Ende herauskam.

Die Schweiz hat seit 1815 keinen Krieg gegen einen anderen Staat geführt. Wie viele Menschen deswegen nicht gestorben sind, lässt sich nicht ausrechnen. Dass es Hunderttausende sind, lässt sich schwer bestreiten. Sie haben kein Denkmal, sie stehen in keiner Statistik, und niemand kennt ihre Namen, weil sie alt geworden sind.

Sie sind das Argument.

Um des lieben Friedens willen nachzugeben gilt als Schwäche; man sagt es von Leuten, die den Streit scheuen. Vierhundert Jahre lang war es die klügste Politik, die ein Land in Europa betrieben hat. Die Hunderttausenden, die deswegen nicht gestorben sind, haben recht.

Die Angaben zur Geschichte folgen den Darstellungen von Marco Jorio, Thomas Maissen, Volker Reinhardt, Georg Kreis und Micheline Calmy-Rey sowie den Artikeln des Historischen Lexikons der Schweiz. Die Stellen aus Machiavelli, Erasmus, Rousseau, Vattel, Spinoza, Kant, Goethe, Voltaire, Spitteler, Dürrenmatt, Burckhardt und Pelluchon sind an den benutzten Ausgaben geprüft. Zitate im Wortlaut der benutzten Ausgaben, ß durchgehend als ss. Lektüre, Auswahl und Urteile sind die des Verfassers und liegen allein in seiner Verantwortung.

18. September 2026, Herr Jung, Animalist · www.herrjung.ch